Versicherungsvereine gelten gern als überholte Unternehmensform. Die Betroffenen sehen das natürlich anders. "Wir sind ein Gegenentwurf zur Aktiengesellschaft", betont die Sprecherin eines Versicherungsvereins. Tatsächlich bieten die mehr als 300 Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit (VVaG) - jährliche Prämieneinnahmen: rund 73 Milliarden Mark - den Aktiengesellschaften kräftig Paroli. Ganz zur Freude der Verbraucherschützer.

Wie in der Kreditwirtschaft treffen auch in der Assekuranz drei Philosophien über die beste Wirtschaftsform aufeinander. "Der kapitalistische, der staatswirtschaftliche und der genossenschaftliche Denkansatz stehen im Wettbewerb", formulierte es das Bundesfinanzministerium in einer Broschüre. Übertragen auf den Geldmarkt, heißt das: Private Banken konkurrieren mit Sparkassen und den Genossen der Volks- und Raiffeisenbanken. Und auch im Reich der Sicherheit stehen den privaten Aktiengesellschaften (Marktanteil: 60 Prozent) - darunter Allianz und Axa-Colonia - die beiden Konkurrenten gegenüber: öffentliche Versicherungen, etwa die Sparkassenversicherung, die auf einen Marktanteil von zehn Prozent kommen, sowie die genossenschaftlichen Versicherungsvereine - zum Beispiel Debeka, Barmenia und Continentale - mit einem Marktanteil von 30 Prozent. Bei Krankenversicherungen beherrschen die Genossen sogar über die Hälfte des Marktes. Und die Gruppe sieht sich im Aufwind: Erst kürzlich meldete die Arbeitsgemeinschaft der Versicherungsvereine hohe Zuwachsraten.

Ist Genosse Kunde bei den Vereinen aber auch König? Ja, meint die Arbeitsgemeinschaft der Versicherungsvereine und erhält dabei Beistand von Marktbeobachtern der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Sie befragten 20 000 Privathaushalte nach ihren Erfahrungen mit der Assekuranz. Die zufriedensten Kunden haben demnach Hannoversche Leben, WGV und HUK-Coburg - allesamt Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit.

Auch Wolfgang Scholl hält Versicherungsvereine für eine "super Sache". Der Assekuranzprofi der Verbraucher-Zentrale Nordrhein-Westfalen weiß aus Erfahrung, dass "viele Vereine preisgünstig sind" und obendrein eine Menge zufriedener Kunden haben. Bei einigen Genossen allerdings muss man für eine Police tiefer in die Tasche greifen. Bei Preisvergleichen ist mancher Versicherungsverein unter der Rubrik "teuer" zu finden. Wer sich also rundum günstig versichern will, kommt auch bei Versicherungsvereinen um einen Blick in einschlägige Testberichte oder einen Besuch in der Verbraucherzentrale nicht herum.

Gegen Viehräuber und Aktionärsinteressen

Am Beginn der Vereinsgeschichte steht der Solidargedanke. Schon im Mittelalter halfen so genannte Schutzgilden bei Brandschäden und Viehraub; später sammelten Zünfte Beiträge gegen die Not ihrer kranken oder alten Mitglieder. Aber nicht allein Bauern und Handwerker solidarisierten sich in Versicherungsunternehmen. 1820 gründeten Kaufleute in Gotha den ersten modernen Versicherungsverein für ihre Kollegen. Die Neue Gothaer sollte übrigens das englische Monopol auf dem kontinentalen Versicherungsmarkt knacken.

Heute kritisieren einige Versicherungsexperten die schwache Kapitalausstattung der Vereine: Den Genossenschaften ist es nämlich verwehrt, ihr Eigenkapital über Börse und Kapitalmarkt zu stärken. "Kein Problem", entgegnet Eckart Freiherr von Uckermann aus dem Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der Versicherungsvereine. Er dreht den Spieß um: Die VVaGs könnten leichter als Aktiengesellschaften ihre Gewinne dem Eigenkapital zuführen, "da sie keine Aktionärsbedürfnisse zu befriedigen haben". Auch Wolfgang Peiner, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft und Chef der Versicherungsgruppe Parion, betont die eigene Stärke. Das benötigte Eigenkapital werde aus versteuerten Gewinnen gebildet.