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Besen-, fakten- und aktenrein hinterließ Staatsminister Anton Pfeifer, MdB, im Oktober 1998 sein Büro im Bundeskanzleramt: in den eingebauten Wandschränken - das reine Nichts. Jedes Regal - blitzblank, gähnend leer, ein Inbegriff der abgerissenen Kontinuität. Im Sekretariat: keine einzige Akte.

Die Bestellung neuer Aktendeckel zeitigte erst nach sechs Wochen Erfolg: 60 nagelneue Leitz-Ordner, nach einem Jahr bereits wieder gefüllt. Wo aber war der Aktenberg aus 16 Jahren Kulturarbeit im Schatten Kohls?

Vor Jahren fand in Oxford eine assyrologische Chronologie-Debatte statt.

Verschiedene Interpretationen divergierender Keilschrift-Tontäfelchen (es ging um das Frachtgut von gewaltigen Karawanen) ließen ein kalendarisch fest verankertes, mesopotamisches Herrschergeschlecht plötzlich ein Jahrhundert rückwärts in die Geschichte wandern. Historiker vertragen derlei Ungewissheiten schlecht. Die Diskussion der Gelehrten nahm eine heftige, ja unhöfliche Wendung. Ganze Forscherschwerpunkte drohten ausgelöscht zu werden.

Doch der letzte große Altertumswissenschaftler unserer Zeit, Arnaldo Momigliano, ein Greis bereits, setzte sich schließlich argumentativ durch, indem er plötzlich leise und an der entscheidenden Stelle auf Deutsch sagte: "I would like to say now, in aller Wissenschaftlichkeit ..." Wir waren einmal in aller Welt für unsere verlässliche Genauigkeit der Aktenführung berühmt, ja berüchtigt.

Alles im Büro war im Herbste Kohls verschwunden, wie die Blätter von den Bäumen im Park, sogar die Wiedervorlagemappe, die Zwischenablage, all jene kleinen handwerklichen Vorzimmermittel, die Ordnung bringen in die Vielfalt des Alltags. Nur eine elektrische Schreibmaschine stand herum, Post-Kugelkopf, und eine traurige lederne Schreibunterlage lag auf dem Amtstisch. Alle Kurzwahl-Tasteneintragungen des Bürotelefons - gelöscht. Nur das Faxgerät hatten sie vergessen. Taste eins: CDU-Parteizentrale. Taste zwei: Abgeordneten- und Wahlkreisbüro Pfeifer. Taste drei: Bild-Zeitung. Ein erster Anruf im Abteilungsbau des Kanzleramts. "Die wichtigsten Unterlagen des Büros Pfeifer zur Holocaust-Mahnmal-Debatte bitte zur Vorlage bringen."

Prompte Antwort eines eingeweihten Spitzenbeamten: "Da gibt es nichts, die Herren haben nur telefoniert." 16 Jahre lang - eine Akustik der Leere? Wer so lange nur den Hörer am Ohr hat, versteht am Ende die Welt nicht mehr oder bekommt einen Tennisellbogen.

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In Wirklichkeit waren die wesentlichen Akten vernichtet oder abgeschleppt.

Als gälte es, alle Spuren am Tatort zu vertuschen - jeden Fingerabdruck der Machtausübung, jedes Zeugnis von Beamtenfleiß und politischer Verantwortung, jede überprüfbare Voraussetzung von Rationalität, Effektivität und Kontinuität im Staatsapparat.

Welche Verachtung der eigenen Leistung, welche Missachtung des Bundesarchivgesetzes! Man hatte die Wahl verloren und wollte zugleich die Macht über die eigene Geschichtsinterpretation gewinnen: Wo nichts belegbar ist, schlägt die Stunde der parteipolitischen Mythografen. Niemand hatte bedacht, dass in ferneren Zeiten ein Historiker sich fragen wird: Gab es überhaupt eine Kohl-Regierung? Oder war alles nur eine akustische Halluzination?

Als einen ihrer ersten Hoheitsakte hatte die sowjetische Besatzungsmacht kurz nach Kriegsende in ihrer Besatzungszone das deutsche Verwaltungsrecht abgeschafft. Fortan herrschten asiatische Machtverhältnisse. Nichts war für den Bürger nachzuvollziehen, nichts gegen die Bürokratie einzuklagen.

Unfreiheit benötigt Ungenauigkeit. In ihrem Freiraum entfaltet sich Willkür.

Die Beseitigung von Amtsakten an höchster Stelle ist ein Eingriff nicht nur in die Geschichte, sondern in die Freiheit der Bürger, sich zu wehren, zu kontrollieren, zu wissen, was geschehen ist, was unterlassen wurde. "In aller Wissenschaftlichkeit ..."

Michael Naumann ist Staatsminister für Kultur