In Wirklichkeit waren die wesentlichen Akten vernichtet oder abgeschleppt.

Als gälte es, alle Spuren am Tatort zu vertuschen - jeden Fingerabdruck der Machtausübung, jedes Zeugnis von Beamtenfleiß und politischer Verantwortung, jede überprüfbare Voraussetzung von Rationalität, Effektivität und Kontinuität im Staatsapparat.

Welche Verachtung der eigenen Leistung, welche Missachtung des Bundesarchivgesetzes! Man hatte die Wahl verloren und wollte zugleich die Macht über die eigene Geschichtsinterpretation gewinnen: Wo nichts belegbar ist, schlägt die Stunde der parteipolitischen Mythografen. Niemand hatte bedacht, dass in ferneren Zeiten ein Historiker sich fragen wird: Gab es überhaupt eine Kohl-Regierung? Oder war alles nur eine akustische Halluzination?

Als einen ihrer ersten Hoheitsakte hatte die sowjetische Besatzungsmacht kurz nach Kriegsende in ihrer Besatzungszone das deutsche Verwaltungsrecht abgeschafft. Fortan herrschten asiatische Machtverhältnisse. Nichts war für den Bürger nachzuvollziehen, nichts gegen die Bürokratie einzuklagen.

Unfreiheit benötigt Ungenauigkeit. In ihrem Freiraum entfaltet sich Willkür.

Die Beseitigung von Amtsakten an höchster Stelle ist ein Eingriff nicht nur in die Geschichte, sondern in die Freiheit der Bürger, sich zu wehren, zu kontrollieren, zu wissen, was geschehen ist, was unterlassen wurde. "In aller Wissenschaftlichkeit ..."

Michael Naumann ist Staatsminister für Kultur