Eigentlich ist es seltsam, dass ein deutscher Autor die Geschichte der amerikanischen First Ladies schreibt. Aber Ronald Gerstes Band ist im Friedrich Pustet Verlag erschienen, und dieser bringt viel Adeliges heraus, verlegt Bücher über russische Zarinnen, österreichische Kaiserinnen und preußische Königinnen. Und wenn man wie Gerste - ganz zu Recht - die amerikanischen Präsidentengattinnen wie Königinnen auf Zeit sieht, dann kann die ausländische, die nicht amerikanische Perspektive genau die richtige sein.

Kann, muss aber nicht. Denn es ist ein äußerst schwieriges Unterfangen, 41 Frauen zu porträtieren. Bei der Frau des ersten amerikanischen Präsidenten Martha Washington (1731-1802) oder der des vierten, der herausragenden, damals schon als "Königin" apostrophierten Dolley Madison (1768-1849) ist historischer Spürsinn erforderlich. Um den heute noch lebenden dagegen gerecht zu werden - es sind immerhin noch Lady Bird Johnson (geb. 1912), Betty Ford (geb. 1918), Rosalynn Carter (geb. 1927), Nancy Reagan (geb.

1923), Barbara Bush (geb. 1925) und natürlich Hillary Rodham Clinton (geb.

1947) - muss der Autor es auch verstehen, die aktuelle Politik zu analysieren. Um das Bild der glamourösen Jacqueline Bouvier Kennedy (1929-1994) zu zeichnen, braucht er eine gewisse Liebe zum Klatsch, gepaart mit einer gesunden Skepsis gegen ebendiesen. Fingerspitzengefühl verlangen dann solche Fragen wie die nach dem Umgang mit Sally Hemmings (1773-1835?), der schönen hellhäutigen Sklavin, die Amerikas dritter Präsident, der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, Thomas Jefferson sogar nach Paris mitgenommen hatte, wo er vor dem Aufstieg in das höchste Amt die junge, der Freiheit und Gleichheit verschriebene Nation als Gesandter vertrat. Gerste hat sich richtig entschieden und das - wenige - Bekannte über diese andere First Lady nicht ausgelassen.

Überhaupt: Das Unterfangen ist ihm gelungen. Es ist ein bewundernswert abwechslungsreicher Band entstanden, der auch nicht in 41 Einzelteile zerfällt, sondern als Ganzes die weibliche Seite der amerikanischen Geschichte präsentiert. Besonders neugierig ist man natürlich auf Hillary Clinton, die gleich auf mehrfache Weise das Amt der ersten Dame des Staates, das ja formell gar keines ist, neu zu definieren hatte. Auch bei ihr findet Gerste den richtigen Tonfall. Sie ist nicht nur eine der ganz jungen First Ladies, gehört nicht nur der Nachkriegsgeneration mit all ihren epochalen Unterschieden zu den vorausgegangenen Generationen an. Hillary Clinton ist, wie der Autor betont, die "erste wirkliche professional woman im Weißen Haus". Sie hat gute Chancen, sich von allen Vorgängerinnen abzuheben und als Erste eine völlig eigenständige politische Karriere zu machen, wenn sie im Herbst im Staat New York in den US-Senat gewählt wird. Gerste musste der Versuchung widerstehen, diese aktuelle Entwicklung aufzugreifen. Aber auch hier hat er etwas geschafft, was gar nicht so einfach ist. Er hat Hillary Clintons Werdegang so geschildert, dass man ihre Zukunft versteht.

Ronald D. Gerste: Die First Ladies der USA

Von Martha Washington bis Hillary Clinton