Kein Land, so haben die amerikanischen Fotokünstler Andrea Robbins und Max Becher beobachtet, ist "mehr von Indianern fasziniert als Deutschland".

Und deshalb haben sie als Deutsche verkleidete Indianer fotografiert.

Jean-Hubert Martins Biennale in Lyon plakatiert einen gehörnten Messerwerfer in Pelz und Leder, den wir eigentlich bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg erwartet hätten. Er stammt aber aus Radebeul bei Dresden, wo der geplante Schnappschuss entstand. In Lyon erscheinen solche Bilder ohne Wildnis, ohne Winnetou und Nscho-tschi. Dafür halten unlackierte Spanplatten, Dachlatten und Sandsäcke die Werke der rund 120 globalen Künstler an der Wand. Blaue Baumwollstoffe schirmen sie notdürftig voneinander ab. Wie es eben so ist im Exotenland.

Die Atmosphäre in der historischen, lichtdurchfluteten Halle Tony Garnier ähnelt der eines offenen, für den Tourismus frei gegebenen Beduinenzeltes, wie es Air France in kleinem Maßstab auch in einer Lounge hätte installieren können. Hostessen zeigen im Eingangsbereich den Renault Avantime, und anstelle eines Kataloges ist zur Eröffnung das Art Price Annual von Ehrmann fertig geworden, ein mit 350 000 Einträgen gefülltes, 2800 Seiten starkes Hardcover-Brevier, in das der Weltkunstmarkt in den Daten des vergangenen Jahres buchstäblich Einzug hält. Keine Musealisierung mehr, alles ist gnadenlos im Fluss. Keine Abgrenzung im White Cube, mitreißende Teilhabe ist erwünscht.

Fünf Anthropologen hatte Jean-Hubert Martin zur Ausstellungsvorbereitung eingeladen, um die Kunst aller Kontinente auszusuchen, die nun unter dem Titel Partage d'exotismes zu sehen ist. Der Exotismus und die anthropologische Komponente der Kunst, so die beiden Biennale-Direktoren Thierry Raspail und Thierry Prat, habe nun das Feld der herkömmlichen Ästhetik besiegt. Es gibt erstaunlich viele Fotos und Videos, Gemälde, Zeichnungen, Stickereien und Skulpturen, vor allem aber Installationen zu sehen, die eine nationenübergreifende Mischung aus heiterer Airportdekoration und gemütlichem Eigenbautempel widerspiegeln. Beim Gang durch den Zickzackparcours führt uns die vorherrschende "Friede den Hütten"-Mentalität von ehemaligen Herrenstaaten wie Frankreich und Belgien in aller Söhne und Töchter Länder. Les magiciens de la terre, versammelt in Martins wegweisender Ausstellung 1989 im Pariser Centre Pompidou, lassen nicht nur grüßen, die Idee wurde in Lyon programmatisch so intensiviert, dass das Resultat kurz vor einem kunsthistorischen Overkill steht.

Europäisch anmutende Androiden aus Autoblechen kommen heute sanft mit afrikanischen und asiatischen Environments zusammen, das Leben in thailändischen Vororten läuft problemlos neben der Installation aus Kochtöpfen,Kannen, Kesseln und Schalen des Amerikaners Haim Steinbach her, und die weltweit verbreiteten Tatoos auf der Haut stehen und liegen in Lyon mit den fast allerorten digital oder skulptural erzeugten Monster-Humanoiden als lexikalische Fülle von Ethno-Tableaus aus.

Wir sind anscheinend alle Exotisten geworden, nur taucht die alte, idealtypische Bildnisfigur aus fernen Ländern (ein Kopf in Eiform, Haare aus Schneckenhaus-Locken, lang gezogene Ohrläppchen, Nase wie ein Papageienschnabel, Kinn wie ein Mangokern und Mandelaugen wie bei einer Gazelle) gar nicht mehr auf. Aus ist auch der Traum eines Sammlers wie Barbier-Mueller oder Museumsdirektors William Rubin, in dem sich die Güte afrikanischer Plastik ohne Mühe neben Picasso, Matisse oder Brancusi zu behaupten vermochte. Nicht nur die herkömmliche Ästhetik, auch die herkömmliche Exotik, obwohl in kuriosen Einzelstücken noch in Lehrvitrinen vertreten, tritt in einen unterirdisch weiter klingenden Orchestergraben ab.