Amerika gibt Außenstehenden häufig Rätsel auf. Will man etwa verstehen, warum Monica Lewinsky zu einem Begriff wurde - warum ihre Affäre mit Präsident Bill Clinton zur Nachricht wurde und, was noch erstaunlicher ist, warum sich ein Untersuchungsausschuss des Kongresses damit befasste und diesen Clinton um ein Haar aus dem Amt befördert hätte -, muss man eine der bizarrsten, einflussreichsten, dabei aber kaum verstandenen Kräfte im politischen Leben der USA zur Kenntnis nehmen: die fundamentalistische christliche Rechte.

Ohne die christliche Rechte wären auch die Wahl und der Erfolg Ronald Reagans in den achtziger Jahren undenkbar, ein Ereignis von weit größerer Tragweite.

Reagan fühlte sich bei den christlichen Fundamentalisten zu Hause, zu denen auch seine Mutter gehörte, und er selbst befleißigte sich als Erwachsener wiederholt einer "wiedergeborenen" Rhetorik. Seine berühmte Star-Wars-Rede von 1983 hielt er vor evangelischen Vertretern der Fernsehanstalten. Reagans persönliches Talent als Kommunikator und Führer hat sicher Anteil an seinen Leistungen, doch erfuhr er auch viel Unterstützung: von einem professionellen Stab im Weißen Haus, willfährigen Medien, den Baronen der Wall Street und nicht zuletzt eben den Wasserträgern der christlichen Rechten. Ohne den Druck der Millionen Amerikaner, die sich als konservative Christen bezeichnen, hätte Reagan 1980 gar nicht die Kontrolle über die damals eher moderate Republikanische Partei an sich reißen, schon gar nicht acht glänzende Jahre im Weißen Haus erleben können.

Die Macht der christlichen Rechten über die amerikanische Politik beruht teilweise darauf, dass ihre Wurzeln bis zur Gründung der Nation durch fundamentalistische Puritaner reichen, die vor dem Druck der anglikanischen Kirche flüchteten. Die dogmatische Intoleranz der frühen Puritaner lebt heute weiter in den Tiraden von Fernsehpredigern wie Pat Robertson, aber auch in der Populärkultur, zumal im Bibelgürtel der Südstaaten und Teilen des Mittleren Westens.

Ein schlagendes Beispiel für den kulturellen Einfluss der christlichen Rechten ist The Indwelling (Das Innewohnen), zurzeit der meistverkaufte Roman in den Vereinigten Staaten. Die Autoren Tim F. LaHaye, ein pensionierter evangelischer Pfarrer, und Jerry B. Jenkins, ein Sportjournalist, haben eine endzeitliche Moralgeschichte geschrieben, die auf der Offenbarung des Johannes basiert. Das Buch verkündet die bevorstehende Wiederkunft Christi und dass beim Jüngsten Gericht nur die wahren Christen von den Qualen der ewigen Hölle verschont blieben.

Am 11. Juni erschien das Buch sogleich auf dem ersten Platz der Bestsellerliste der New York Times, des einflussreichsten Maßes der Buchverkäufe in den USA. The Indwelling ist eigentlich das siebte einer Serie, die 1995 mit Left Behind begann. Dieser erste Band erzählt die Geschichte dessen, was die Protestanten "die Verzückung" nennen - das plötzliche Verschwinden von Millionen wahrer Gläubiger von der Erde, da Gott sie in den Himmel gerufen hat, wo sie sich auf den Krieg zwischen Gut und Böse, der das Ende der Welt herbeiführen wird, vorbereiten sollen. Left Behind war, seinem Verlag Tyndale House zufolge (benannt nach einem Engländer aus dem 16. Jahrhundert, der auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, weil er die Bibel übersetzt hatte), binnen 39 Monaten eine Million Mal verkauft worden. Die sechs nachfolgenden Titel gingen zunehmend schneller über den Ladentisch, und der Gesamtverkauf der Reihe liegt nun bei 17 Millionen, nur drei Millionen weniger als die Harry-Potter-Reihe.

Der christliche Bestseller bleibt hartnäckig Nummer eins