Nach so vielen großen Auftritten ein Abgang, so sang- und klanglos - das muss natürlich den politischen Verdacht erwecken, Staatsminister Michael Naumann habe Elke Leonhard, die Vorsitzende des Kulturausschusses, aus dem Amt gedrängt. Dieser Vorwurf hat sich sofort im öffentlichen Gedächtnis festgefressen. Elke Leonhard selbst hat ihn in ihrer Presseerklärung erhoben, hat sich als Opfer von Mobbing und politischer Zensur dargestellt. Aber die Pressereaktionen waren erstaunlich zurückhaltend. Obwohl sie mit der Presse eine Duzbeziehung pflegte und sie mit Indiskretionen versorgte, wurde ihre Opferrolle nicht akzeptiert. Der vage Verdacht ergab sich aus der Konstellation: Von Anfang an, seit der Debatte um das Holocaust-Denkmal, trat sie als Gegenspielerin von Naumann auf. Sie versorgte vorab die Presse und die Kontrahentin Lea Rosh mit Naumanns Plänen, bevor dieser die Chance hatte, selbst an die Öffentlichkeit zu gehen. Diese Konkurrenz beherrschte ihre Amtszeit. Und dennoch: Trotz unzähliger politischer Konflikte handelte es sich nicht um einen politischen Konflikt. Der Fall Leonhard, das heißt, ihr Fall, ist weitaus trostloser, bedrückender, als es ihre öffentliche Rolle vermuten lässt. Sie war eine Politikerin der Auftritte und Ankündigungen sie häufte Verantwortlichkeiten an, immer unter der Parole: "Da muss der Bundestag sich kümmern." Im Alleingang verkündete sie vor zwei Monaten das Projekt einer Nationalstiftung mit einem Kapitalstock von 50 Milliarden Mark.

Sie jagte der Schimäre einer autonomen Kulturpolitik des Bundestags nach und floh gleichzeitig vor den täglichen Ansprüchen ihres Amtes, vor solchen Banalitäten wie Protokollen, Beachtung von Absprachen, Information der Ausschussmitglieder. Sie war eine "Powerfrau" (Jörg Tauss, SPD), die sich in ihrer chaotischen Amtsführung verstrickte. Ein "Borderline-Problem", sagen andere. Die genervte und aufgebrachte AG-Kultur der SPD bemühte sich in "therapeutischen Sitzungen", eine Liste der Eklats zu erstellen, um sich wenigstens über die Realität zu verständigen. Als der Fraktionsvorsitzende Peter Struck ihr die Vertrauensfrage nahe legte, gab sie auf.