Im Anfang sind nur ein paar vage Bedenken. Als der RWE-Konzern zu Beginn der siebziger Jahre in Bad Breisig am Rhein ein Atomkraftwerk bauen will, protestiert der Stadtrat des nahen Bonn. Er hat Angst, Dampfschwaden könnten die Bundeshauptstadt in eine Dunstwolke hüllen. Das Projekt verschwindet leise in der Schublade. Nürnberg wiederum fürchtet um sein Trinkwasser, weshalb das erste deutsche Demonstrationskraftwerk statt bei Bertoldsheim weiter weg bei Gundremmingen errichtet wird.

So leicht ist die Atomkraft mitunter noch zu bannen, als sie nach Deutschland kommt. So zufällig fängt der Protest an, der zu riesigen Demonstrationen und in einigen Landstrichen zu wilden Schlachten anschwellen wird. So beiläufig beginnt der "größte und gedankenreichste öffentliche Diskurs in der bisherigen Geschichte der Bundesrepublik", wie 1987 der Technikhistoriker Joachim Radkau von der Universität Bielefeld schrieb.

Dabei hatte das Atomzeitalter (nicht nur) in der Bundesrepublik so hoffnungsfroh begonnen. Manche Städte rissen sich geradezu um die neuen Kraftwerke. Sie hofften auf den Boom, den die Visionäre versprachen.

Ingenieure entwarfen atombetriebene Schiffe, Eisenbahnen und Flugzeuge. Ford präsentierte gar ein Atomauto namens Nucleon, das, am Heck mit futuristischen Haifischflossen bewehrt, 8000 Kilometer am Stück fahren sollte.

Um jedes Atomkraftwerk werde eine blühende Industrielandschaft mit hunderttausend Arbeitsplätzen entstehen, glaubt Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Strom sei dann so billig sein, dass sich Zähler gar nicht mehr lohnen. Angesichts solcher Visionen bieten Karlsruhe und München um die Wette Bauplätze für den ersten Reaktor an, der mit deutscher Technik gebaut werden soll. Bundeskanzler Konrad Adenauer entscheidet nach langem Hin und Her 1955 für Karlsruhe. Nördlich der alten Residenzstadt, wo das Werk geplant ist, regt sich allerdings Widerstand. Der Bürgermeister der Gemeinde Friedrichstal muss sich dafür vom stern "Atomreaktionär" schimpfen lassen, der "mit Dreschflegeln" den Fortschritt aufhalten wolle. Doch die Bauern der Gegend fürchten um den Absatz ihrer in Reaktornähe geernteten Produkte. Sie bauen Tabak an.

Ernst Bloch und Carlo Schmid träumen von der Atomkraft

Wie die Visionen der Atompropheten am Ort aufgenommen werden, hängt bis in die siebziger Jahre von solchen lokalen Zufälligkeiten ab. In den politischen Lagern hat sich bislang keine feste Meinung herausgebildet. Noch träumen auch Vordenker der später kritischen Linken vom atomaren Paradies. "Wie die Kettenreaktion auf der Sonne uns Wärme, Licht und Leben bringt, so schafft die Atomenergie, in anderer Maschinerie als der Bombe, in der blauen Atmosphäre des Friedens, aus Wüste Fruchtland, aus Eis Frühling", dichtet Ernst Bloch im Prinzip Hoffnung. Carlo Schmid beklagt 1956 auf dem Bundesparteitag der SPD, die Deutschen gehörten bei der Atomforschung "zu den minderentwickelten Völkern" und liefen Gefahr, "in zehn Jahren ein von den Atomländern abhängiger Staat" zu werden. Der spätere SPD-Atomkritiker Erhard Eppler will 1968 sogar Entwicklungsländer mit dem Schnellen Brüter beglücken.