Rabat/Casablanca

Abraham Serfaty verblüfft. Diese Gelassenheit ist kaum zu erwarten bei einem Mann, der 14 Jahre im Gefängnis verbrachte, davon 6 Jahre in Einzelhaft. Doch er zeigt keinerlei Verbitterung, keine Wut, keine Gebrochenheit. "Es geht darum, seine Überzeugungen und seine Menschlichkeit zu bewahren. Nur so ist Einzelhaft zu ertragen. Unbeirrbar sein und freundlich bleiben gegenüber den Wärtern, auch wenn sie jahrelang kein Wort mit dir reden", sagt Abraham Serfaty mit solcher Beiläufigkeit, wie andere von einer Reifenpanne erzählen.

Der 73-Jährige war in den Achtzigern der bekannteste politische Gefangene Marokkos. 1977 wurde der langjährige kommunistische Aktivist wegen eines "Komplotts mit dem Ziel, die Monarchie zu stürzen" zu lebenslanger Haft verurteilt, 1991 jedoch infolge internationalen Drucks nach Paris abgeschoben.

"König Hassan II. hat nach seiner Thronbesteigung 1961 eine Diktatur errichtet, die den eigenen Machterhalt über die Entwicklung des Landes stellte", sagt Serfaty, der als Folge von Haft und Folter nicht mehr gehen kann und auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

"Hassan war dabei sehr widersprüchlich. Einerseits wollte er das Land modernisieren, er war fasziniert von Technik und Fortschritt. Andererseits beruhte seine Macht auf einem Bündnis zwischen dem repressiven und korrupten Staatsapparat und den ländlich-feudalen Großgrundbesitzern. Das Ergebnis war eine Symbiose aus mittelalterlicher Herrschaft und gesellschaftlicher Blockade, denn die Großgrundbesitzer hatten wenig Interesse, das Land zu modernisieren und in Industrieprojekte zu investieren."

Abraham Serfaty war Ingenieur in den Phosphatminen südöstlich von Casablanca, organisierte Streiks und gewerkschaftliche Aktivitäten. Sein Charisma und seine Unbeugsamkeit ließen den Regimekritiker im Laufe der Zeit zu einem Intimfeind von König Hassan II. werden. Noch im Juli 1998 erklärte der Oberste Gerichtshof Marokkos, er sei für eine Amnestie Serfatys nicht zuständig.

Ein Jahr später, am 23. Juli 1999, starb Hassan II. Sein ältester Sohn Mohammed VI. ließ als Nachfolger sehr schnell erkennen, dass er die Strukturen der Königsherrschaft nicht grundsätzlich antasten werde.