In den sechziger Jahren gehörte Günter Seuren gemeinsam mit Rolf Dieter Brinkmann, Nicolas Born, Günter Herburger und anderen zu Dieter Wellershoffs Kölner Schule des Neuen Realismus, die im Anschluss an den Nouveau Roman gegen die ideologische Weltinterpretation ein sinnlich konkretes und zugleich skeptisches Erzählprogramm entwarf. Sein erster Roman, Das Gatter aus dem Jahre 1964, erfolgreich verfilmt von Ulrich Schamoni unter dem Titel Schonzeit für Füchse, erzählt die distanzierte Haltung einer neuen Generation gegenüber den bürgerlichen Milieus, deren Verlogenheit sie durchschaut, ohne aber, wie dann die 68er-Generation, offen gegen sie zu rebellieren. Auch der Schriftsteller gebärdet sich nicht als Rebell

allein in der kalten Beobachtung und mittels seiner erzählerischen Lakonie führt er die im "Gatter" ihrer Vorurteile verharrende Gesellschaft vor. Seuren hat danach einige Romane geschrieben, die dem jeweiligen Zeitgeist skeptisch und distanziert folgten und die alle verfilmt wurden. Viele Jahre hat er dann vor allem fürs Fernsehen gearbeitet und Drehbücher für Dokumentarfilme geschrieben.

Nun meldet sich, nach Jahren, der Romancier Seuren zurück: wiederum mit einem zeitgeistreichen Thema und einer lakonischen Erzählweise, die an die skeptische Haltung der alten erfolgreichen Bücher anknüpft.

Sein Roman Die Krötenküsser handelt auch von einem umgatterten Gehege: Der Erzähler, ein schon älterer, wenig erfolgreicher Schriftsteller, der eine Reihe von Lebensenttäuschungen hinter sich hat, hilft seinem jungen Freund, dem Biologiestudenten Staudinger, bei der Einrichtung eines Biotops am Rande einer großen Stadt (augenscheinlich München). Dort soll die Aufzucht aussterbender Tierarten betrieben, dort soll vor allem die Wechselkröte gerettet werden. Die Unternehmung wird finanziert von der Stadt und kritisch beobachtet von der Bevölkerung.

Das eigentliche Thema des Romans ist jedoch die Konkurrenz zwischen allgemeinem Nutzen und Eigensucht, Selbstverwirklichung und Anpassung, handelndem Eingreifen und Illusion. Was Staudinger beginnt, kann sinnvoll gedacht werden

doch was daraus wird, stellt sich bald heraus, ist ein Konzentrationslager für Tiere: "eine im Universum schwebende Zuchtstation, steril, total im Griff eines Perfektionisten", das Werk eines Ökomanagers, der es "gnadenlos am Leben vorbeiorganisiert". Diese Entwicklung schildert Seuren so genau, dass man vermuten darf, hinter dem Roman habe es konkrete Erfahrungen des Autors gegeben. Als habe er, wie sein Erzähler, mittendrin in diesem Gehege gesteckt und mitgemacht bei einem Geschäft, das er nun skeptisch beurteilt und selbstkritisch beschreibt: als ökologischen Fundamentalismus, der zur totalitären Herrschaft verkommen kann über jene, die sich nicht wehren können.

Doch der Roman ist mehr als eine satirische Parabel auf solche missgeleiteten Verhältnisse. Er ist ein Biotop nicht nur für Wechselkröten, sondern für Menschen, die sich auf seinem Gelände und darum herum tummeln wie in einem soziologischen Lehrgehege. Zu ihm gehört auch der Erzähler. Er kann oder will sich nicht von ihm distanzieren. Trotz wachsender innerer Ablehnung nimmt er teil, zeigt nicht nur auf die anderen, sondern auch auf sich selbst: "Wir sind Killer, die man für Wohltäter hält."