Er gab gerne den grumpy old man, den griesgrämigen Widerling. Den Stand der Dinge kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen, dann aber - sofort und voller Vergnügen - mit einem zynischen Spruch kommentieren oder mit einem bösartigen Kniff noch verschlimmern, das konnte er wie kein anderer. Mal war er dabei der skrupellose Snob, mal der übermütige Narr, mal auch bloß der komische Kauz. Seine Kennzeichen: schleppender Gang, hängende Schultern und ein zerknautschtes Gesicht mit schrägen Augen und geschwollener Nase, in das die Falten so tiefe Täler gegraben haben wie die Naturgewalten in die Rocky Mountains.

Matthau agierte, vor allem in seinen Komödien und Melodramen, unentwegt an der Grenze zwischen Witz und Aberwitz. Wo er sich als Ekel präsentierte, etwa in Gene Saks' Ein seltsames Paar (1968), blieb doch stets der rechte Kerl spürbar. Und wo er sich freundlich und nett gab, etwa als Albert Einstein in I. Q. (1994), kam immer auch das Scheusal durch. In Saks' Kaktusblüte (1969), als überarbeiteter Zahnarzt, nimmt er am Ende hin, dass er nicht die üppige Blondine, sondern seine verhärmte Assistentin kriegt. Dabei strahlt er aber, trotz des märchenhaften Happy Ends, eine Düsternis aus, die an das Elend alltäglichen Horrors erinnert.

Walter Matthau war ein Meister der kleinen Geste. Manchmal musste er nur die linke Augenbraue heben, und schon nahm man ihm ab, wie widerwillig und genüßlich zugleich er alles Böse dieser Welt auf seinen Schultern zu tragen wusste - während er doch in Wahrheit immer nur auf den eigenen Vorteil bedacht war. In Billy Wilders Extrablatt (1974) ist er der diabolische Chefredakteur, der mit List und Hinterlist versucht, seinen besten Reporter nicht zu verlieren: Er lügt und betrügt, intrigiert und fälscht, blendet und trickst und wütet, um immer die beste Story zu kriegen, aber auch, um alles im Griff zu halten. Matthau, zumeist dunkel gekleidet, ist der mephistophelische Puppenspieler, der an allen Fäden zieht. Am Ende, als er verloren zu haben scheint, schenkt er dem scheidenden Kollegen noch seine wertvolle Armbanduhr, aber nur, um einen letzten Joker auszuspielen. "Halten Sie den Zug an", fordert er den nächsten Schaffner auf, "der Hurensohn hat meine Uhr gestohlen."

Er sei seriös, mutig, schön - und großartig im Bett, pflegte Matthau gerne zu sagen. Dabei schaute er mit offenem Blick und stoischer Miene um sich, als könne er sich gar nicht vorstellen, dass andere anders über ihn denken. Im Grunde war dies sein bester Trick: das Unmögliche behaupten, es aber so beiläufig vortragen, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt.

Wie kaum ein anderer wusste er wieder und wieder nachzuweisen, dass man nicht mögen muss, was man liebt. Man darf es auch nervig finden, wenn der beste Freund Ordnung und Putzfimmel übertreibt (wie Jack Lemmon in Ein seltsames Paar). Und man darf sich auch schütteln vor Abscheu und Mordpläne hegen, wenn die Angetraute ihre hässliche Biederkeit zur Schau stellt (wie Elaine May 1971 in Keiner killt so schlecht wie ich).

Geboren wurde Matthau am 1. Oktober1920 als Walter Matuschanskavasky in New York City. Schon als Kind trat er am Yiddish Theater auf. Nach dem Krieg, den er als radioman-gunner bei der Air Force überlebte, besuchte er den New School's Dramatic Workshop und arbeitete gleichzeitig für mehrere Bühnen.

1948 debütierte er am Broadway, 1955 im Kino (in Burt Lancasters Der Mann aus Kentucky). Im Laufe seiner Karriere spielte er dann für viele der interessanteren Regisseure Hollywoods: 1956 für Nicholas Ray (in Eine Handvoll Hoffnung), 1957 für Elia Kazan (in Das Gesicht in der Menge), 1962 für David Miller (in Einsam sind die Tapferen), 1966 für Billy Wilder (in Der Glückspilz, der ihm einen Oscar für die beste Nebenrolle einbrachte), 1973 für Don Siegel (in Der große Coup), 1986 für Roman Polanski (in Piraten).