Die Hälfte des Aufwands, der zur Lektüre eines Buchs gehört, leistet der Autor. Die andere Hälfte kommt vom Leser, oder - realistischer - von der Leserin. Das Ganze ist ein Vorgang, den man in anderen Zusammenhängen als Verführung bezeichnet. Wenn der Leser und die Leserin in die Lektüre eines Buchs mehr Arbeit investieren müssen, als der Autor ins Schreiben investiert hat, dann funktioniert es eben nicht mit der Verführung.

Jeanette Winterson hat ein paar ziemlich interessante, einigermaßen verführerische Romane geschrieben, und sie hat auch innerhalb des Betriebs dafür gesorgt, dass sie angemessen wahrgenommen wird als wilde Lesbe und literarisches Genie. Sie hat einmal - als sie über einen Literaturpreis entscheiden sollte - ihr eigenes Buch als bestes Buch des Jahres nominiert und irgendwann einmal durchsickern lassen, sie habe in ihren jüngeren Jahren einigen gelangweilten Londoner Damen sexuell zu Diensten gestanden und sich dafür mit Le-Creuset-Kochgeschirr entschädigen lassen (wobei entschädigen ja vielleicht nicht das richtige Wort ist). Das eigene Buch als bestes Buch des Jahres zu nominieren - ich wette, noch die beschränktesten unserer literarischen Chorknaben würden das genauso machen, wenn sie nicht Angst hätten, sich damit zu schaden. Jeanette Winterson hatte offensichtlich keine Angst vor irgendeinem Schaden. Sie weiß, wie man neue Währungen einführt.

Nichts davon in ihrem neuen Buch. Nichts von der wilden Lesbe mit dem wunderbaren Kochgeschirr, der man gern zuhört, wenn sie über Religion redet und sogar über lovelovelove, auch wenn das manchmal sehr teenagerhaft klingt, wenn die "großen Emotionen" ankommen wie Mr Right. Oder Ms. Right.

Stattdessen: "Es ist in diesem letzten Jahr schwierig gewesen. Die Liebe ist schwierig. Die Liebe wird schwieriger, was nicht dasselbe ist, wie wenn man sagt, daß es schwieriger wird zu lieben. Es ist nicht schwierig, dich zu lieben. Es ist schwierig, dich gut zu lieben."

Das ist noch einer der wacheren Sätze aus einem müden Buch. Es klingt aber eher nach einem klassischen writer's block: "Was soll es also sein? Die Banalität der Konventionen oder die Banalität der Individuation? Soll ich mich für die Klischees der Gesellschaft entscheiden oder für meine eigenen?

Ist es ein Schritt vorwärts, begriffen zu haben, daß es zwischen den beiden nicht wirklich einen Unterschied gibt?"

Es gibt Schriftsteller, die schreiben einfach nicht, wenn sie eine Blockade haben. Und es gibt Schriftsteller, die schreiben trotzdem. Das ist ganz in Ordnung. Man muss das Zeug nur nicht veröffentlichen. Auch nicht, wenn man Jeanette Winterson heißt und manchmal immer noch so etwas wie Biss aufs Papier bringt: "Meine älteste Tochter hat sich einer Tamburinsekte angeschlossen. Einer von denen, die stampfen und preisen und mit dem Rauchen aufhören, nur um sich alle fünf Minuten eine Weisheit anzustecken. Meine Tochter will mir die Wahrheit sagen. Sie kennt sie und ich nicht. Inzwischen benutzt mein Sohn ihre Bibel zum Zigarettendrehen. Das Papier hat das richtige Gewicht, und er glaubt nicht, daß sie sie jemals bis zum Ende durchlesen wird. Sie liest die Sprüche, und er raucht die Offenbarung."