Was sie uns nicht alles erzählt hatten. Regelrecht gewarnt hatten sie uns!

Ihr wollt nach Elmau? Ist das nicht die Anthroposophenhochburg mit den frustrierten Damen im selbst Gestrickten? Viel Vergnügen! Auch von dürftig ausgestatteten Zimmern hatte man uns berichtet, von verschrobenen Tanzveranstaltungen und einer täglich wechselnden Tischordnung, die unbedingt zu respektieren sei, wolle man die Elmauer Gästegemeinde nicht gegen sich aufbringen. Eine bizarre Mischung aus Kloster, Jugendherberge und Sanatorium tauchte vor unserem geistigen Auge auf, eine Art alpiner Robinson-Club für Asketen, Zivilisationsflüchtlinge und Frauen in den Wechseljahren. Und da soll man Urlaub machen?

Ausgestattet mit besorgten Wegweisungen, traten wir die Reise an ins Oberbayerische. Beim ersten Besuch schneite es heftig, und das Schloss, das nach Kilometern einsamer Fahrt plötzlich zwischen den Bäumen hervortrat, wirkte fast bedrohlich mit seinem trutzigen Wohnturm. Das weite Terrain schien umzingelt von Hinweisschildern, die dem normalen Wanderer jede Annäherung verbieten. Also doch der Stützpunkt einer Sekte, die sich abzuschirmen versucht? Die Hotelhalle mit den schweren Eichenstühlen war menschenleer. Streng blickte der Gründer der Elmau, Johannes Müller, von einem alten Gemälde auf uns herab.

Beim zweiten Besuch war es dann schon Frühling. Alles Schwere schien wie weggeblasen. Als am Abend die Wolken aufrissen und den Blick auf die gewaltige Wettersteinwand freigaben und die Stille nur vom Rauschen des Waldes und dem Pochen eines Spechtes durchbrochen wurde, begannen wir zu ahnen, warum viele Menschen der Elmau eine fast magische Wirkung auf Geist und Gemüt zuschreiben.

Die Warnungen, die man uns mit auf den Weg gegeben hatte, erwiesen sich als weitgehend unbegründet. Spätestens seit der Renovierung vor drei Jahren sind die Zeiten spartanischer Einfachheit in Elmau vorbei. Die Hotelleitung ist sichtlich bemüht, den Gästen alle Annehmlichkeiten einer Fünf-Sterne-Herberge zu offerieren, und das ohne die Fantasielosigkeiten der Tourismusindustrie.

Details verraten, dass Schloss Elmau ein Haus mit Stil und Tradition ist: zwei große Holzschränke im Treppenaufgang, die man auch zu Hause gern stehen hätte, das Obstkörbchen zur Begrüßung, der betagte Sekretär, an dem man stilvoll Urlaubsgrüße zu Papier bringen oder, wenn man sich denn der Mühe unterziehen will, den heftig umstrittenen Elmauer Vortrag des Philosophen Peter Sloterdijk studieren kann. Der Mann hatte sich vor Jahresfrist auf einem Philosophiesymposium im Schloss über Menschenzüchtung ausgelassen

das Echo darauf durchbrauste monatelang die Feuilletons. Schwere Kost dieser Art steht hier oben nicht an jedem Wochenende auf dem Programm. Aber irgendetwas Hochkulturelles wird immer geboten: Vorträge, Konzerte, Tanz.