Ist die Welt ein guter Ort, Buck?" - Hätte man den zwölfjährigen Buck vor den Ereignissen im April des Jahres 1991 gefragt, wäre die Antwort "Na klar, Sir!" gewesen. Und Tunes, seine gleichaltrige Gefährtin, hätte das mit einem Frühlingsschrei unterstrichen: "Hohoho hooo!"

Ein paar Wochen später sieht alles ganz anders aus in Bucks und Tunes' Welt in Northhampton County/Virginia, einer schmalen Landzunge zwischen der Chesapeake Bay und dem Atlantischen Ozean. Dort, wo schon Andersen-Preisträgerin Katherine Paterson ihren Roman Aber Jakob habe ich geliebt angesiedelt hat. Dort, wo die Zeit stehen bleibt und Frühjahr um Frühjahr Schwärme von Blaufischen Millionen von Menhaden ins Brackwasser jagen. Dort, wo der Rassismus unter der dünnen Haut zivilisierten Verhaltens gärt.

Nichts mehr wird so sein wie in den Abenteuertagen der Kindheit. Suzanne Fisher Staples lässt Buck fünf Jahre später erzählen, warum die Freundschaft zwischen ihm, dem weißen Farmerssohn, und Tunes, der Tochter eines schwarzen Vorarbeiters, in jenem Jahr zerbrechen musste. Und dabei bringt die Schriftstellerin die Freundschaft zum Klingen, als sei sie ein Teil der Natur. "Wir zwei waren blind für unterschiedliche Hautfarben", erzählt Buck.

"Anders waren Leute für uns, wenn ihnen die Bucht, die Flüsse, die Wälder mit allen Geschöpfen darin nicht so wichtig waren wie uns."

Wer Bucks Erzählung folgt, spürt bald, wie sich die Worte zu wunderschönen und schrecklichen Bildern eines inneren Filmes zusammenfügen, von Hans-Georg Noack mit feinem Gespür für Zwischentöne übersetzt. Es ist der Stoff, aus dem gute Filme sind. Ähnlich wie Stephen Kings 60er-Jahre-Erzählung Die Leiche den Stoff für Rob Reiners unvergesslichen Film Stand By Me lieferte.

Hier wie dort geht es um eine Leiche. Hier wie dort begegnen wir dem letzten Sommer der Kindheit, dem unwiderruflichen Zusammenbruch des Imperiums von zwölf- oder dreizehnjährigen Welteroberern. Still wie der Sturm drängen sich bei Fisher Staples die Bösartigkeiten der Erwachsenen ins Leben: Rassismus, Heuchelei, Gewalt, Arroganz, Angst, Dummheit. Buck und Tunes finden bei einer ihrer Bootsfahrten die Leiche eines ermordeten mexikanischen Landarbeiters.

Der Verdacht fällt auf Tunes, der ein Verhältnis zu dem Mann untergeschoben wird. Und Buck verstrickt sich - in der Absicht, die Freundschaft zu schützen - in Widersprüche, wird maßlos von seinem Vater enttäuscht, der von ihm erwartet, das weiße System von Macht und Opportunismus anzuerkennen.