Der Prinz hat sich nur erleichtert. Auch wir sind es. Die von ihm unterzeichnete Erklärung in Form einer großformatigen Zeitungsannonce klingt authentisch. Dafür bürgen Stil und der nonchalant gesetzte Zeichenfehler.

"Aber wenn da jeder ...", gilt nicht. Erstens befand sich der Prinz auf eigenem Grund und Boden (das Land Niedersachsen kann getrost als eine periphere Erscheinung der Weltgeschichte betrachtet werden)

zweitens ist der Prinz nicht jeder, was die von ihm in ihrer dialektischen Komplexität nicht ganz erfasste und daher kritisierte Paparazzi-Präsenz des zu "manipulativer Sensationsberichterstattung" neigenden "Blattes" beweist. (Oder sollte er uns doch einige Volten voraus sein - nach dem Muster eines Postman-Habermasschen medialen Kommunikationsmodells?) Drittens gehört der Prinz zur Hocharistokratie, was die beiden vorigen Merkmale in gewisser Weise zusammenfasst, aber vor allem auf ein qua Tradition dem unseren nicht vergleichbares Verhältnis zur öffentlichen Hygiene verweist.

Wir von dem erwähnten Blatt nicht beachteten Normalmenschen sind nämlich zutiefst von jenem historischen Vorgang geprägt, den die klassische Studie des Soziologen Norbert Elias als "Zivilisationsprozess" charakterisiert hat.

Mit anderen Worten: Seit dem Spätmittelalter schämen wir uns für unseren Körper, seine Flüssigkeiten, Ausdünstungen und sonstigen Produkte. Natürlich taten wir das zunächst nicht ganz freiwillig, sondern die Obrigkeit bimste es uns so lange ein, bis sie unsere Eltern so weit hatte, dies für sie zu übernehmen. Und wie immer mussten dafür die Frauen ein wenig mehr hinhalten als der männliche Teil von uns - was die Rückenparaden ohne Arme etwa nach Fußballspielen deutlich genug verraten. Frauen nehmen hier nur in jenen seltenen Fällen teil, in denen die männliche Haltlosigkeit zur Hilflosigkeit mutiert ist.

Und der Prinz und seinesgleichen? - Nun, er und sie waren die Obrigkeit. Sie waren es, die uns anwiesen, wie und wo wir den Erleichterungen unserer körperlichen Zwänge zu obliegen hatten. Daher hielten sie sich demonstrativ von solchen Vorschriften frei. Herzog Philipp der Kühne von Burgund ließ am Ende des 14. Jahrhunderts die Außenwände seines Palastes in Dijon "bis zur Schulterhöhe eines Mannes" (!) mit roter Farbe anstreichen, um unseren bürgerlichen Vorfahren zu signalisieren, dass er der fortwährenden Erleichterungen an seinem Schloss überdrüssig sei. Im Inneren wüteten die herzogliche Familie und ihre aristokratischen Höflinge umso ungehemmter weiter. Distinktion war und ist alles. Trauen wir den Berichten glaubwürdiger Zeugen wie Brant'me und St. Simon, so muss der französische Königshof im 16.

und 17. Jahrhundert über einen Odeur aus einer einzigartigen, die Höflinge berückenden Mischung von Parfum und Urin verfügt haben - den Ruch der Macht.