Zu den wenig beachteten Lernerfolgen der Regierung Schröder zählt ihr Umgang mit den Menschenrechten. Selten hat ein Bundeskanzler in so kurzer Abfolge so schwierige Gäste empfangen: Wladimir Putin, Zhu Rongji, Mohammed Khatami - drei Männer, die den traurigen Spitzenplatz in Sachen Menschenrechtsverletzungen unter sich ausmachen könnten. Was wird von ihren Deutschland-Visiten im Gedächtnis haften bleiben? Ein bierseliger Putin, der in einer Spandauer Schänke den Ritterschlag erhält, ein strahlender Zhu, dem Transrapidfahren mächtig Spaß macht

Khatami trifft erst am Montag ein.

Es gab Zeiten, zwei Jahre ist das her, da hätten die rot-grünen Oppositionsführer mit dramatischem Tremolo Zahlen ins Plenum gerufen: Bis zu 5000 getötete Zivilisten in Tschetschenien! Jährlich über 1500 Hinrichtungen in China! Sie hätten an Tausende Verurteilungen ohne Rechtsgrundlage erinnert und an konkrete Einzelschicksale wie jene fünf iranischen Referenten der Heinrich-Böll-Stiftung, die nun in Teheran in Haft sitzen. Und dann hätten sie lautstark gefordert: Herr Bundeskanzler, sagen Sie das Ihren Gästen ins Gesicht! Sagen Sie es in aller Öffentlichkeit!

Heute spricht niemand mehr so. Über das Thema Menschenrechte hat sich eine beinahe gespenstische Stille gesenkt. Fast scheint es, als seien die leidenschaftlichen Kämpfe, die in den Bonner Jahren - Stichwort Welayati oder Tibet-Resolution - veritable Regierungskrisen auslösen konnten, ein Spuk gewesen, eine gutmenschelnde Modeerscheinung. Oder ist der Berliner Republik einfach die Moral abhanden gekommen?

Für den Umgang mit Willkürregimen gibt es kein Patentrezept. Am lautstarken Eintreten fürs "offene Wort" klebte immer die Doppelmoral

in der Opposition kostet es nichts. Das Berliner Schweigen drückt jene banale Einsicht aus, zu der wohl erst Amtserfahrung leitet: Kraftmeierei reimt sich auf dem diplomatischen Parkett nicht auf Erfolg. Andererseits erwirbt man sich auch mit Leisetreterei keinen Respekt

weder beim Gegenüber noch im eigenen Volk.