Brüssel

Wenn Du etwas wissen willst", so riet einst Heinrich von Kleist, "und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich Dir, mit dem nächsten Bekannten, der Dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharf denkender Kopf zu sein." Denn für die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden sei er allemal hilfreich, meinte der große Dramatiker.

Nächste Bekannte findet im Kreis der Europäer derzeit jeder. Und so folgt Rede auf Rede: Joschka Fischer spricht im Mai, verkleidet als Privatmann, und ganz Europa merkt auf. Frankreichs Präsident Jacques Chirac redet Ende Juni vor dem Bundestag, und was er dort zu Verfasstheit und Verfassung der Gemeinschaft verfertigt, findet selbst Tony Blairs Beifall - der jetzt seinerseits für den Herbst eine große Europa-Rede ankündigt. Dazwischen reden oder schreiben ein französischer Außenminister und ein bayerischer Ministerpräsident, ein ehemaliger Premierminister wie Alain Juppé, Exkanzler Helmut Schmidt zusammen mit Expräsident Giscard d'Estaing und natürlich der einstige Kommissionspräsident Jacques Delors. Lauter nächste Bekannte.

Diese Union ist eine Debatte wert, endlich. Befreit von der Schwerkraft der verwalteten EU-Welt schwingt sie sich in Höhen, die vor kurzem noch Schwindelgefühle auslösten. Verfassung, Föderation, die schmutzigen Wörter von gestern, werden jedenfalls betont aufgeklärt diskutiert, selbst in Paris oder London - es komme halt darauf an, was man darunter verstehe. Das sei der "return of grand design", schwärmte die Financial Times nach Chiracs Rede.

Doch wer denkt was beim selben Wort? Und meint Fischer mit Gravitationszentrum innerhalb der Europäischen Union dasselbe wie Chirac mit seinen Pionieren? Jedenfalls weckt das alles bei den Briten weniger Hoffnung denn Furcht. Erst recht gilt das für die kleineren Partner. Denn Deutsche wie Franzosen malen hier ja keine fernen Horizonte. Eine Avantgarde innerhalb der Gemeinschaft - das fügt sich unschwer in das Konzept einer verstärkten Zusammenarbeit ein. Der Amsterdamer Vertrag erlaubt sie nur mit Einschränkungen. Auf der Regierungskonferenz in Nizza im Dezember aber soll sie erleichtert werden.

Präsident Chirac betont nimmermüde, dass jeder Vorstoß einer Gruppe von EU-Mitgliedern die bestehenden Institutionen und den acquis communautaire, das gemeinsame Regelwerk, respektieren müsse: Man wolle ja mehr Gemeinsamkeit und nicht etwa weniger. Doch nennt der Gaullist als leuchtende Vorbilder am liebsten das Schengener Abkommen oder die Kooperation bei Airbus oder Ariane, kurz, lauter Beispiele, die außerhalb der EU-Verträge entstanden sind. Und was meint Chiracs leise Drohung, dass diese Avantgarde sich innerhalb der Verträge bewegen wolle, aber notfalls auch außerhalb entfalten könne?

Schon warnt Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker. Europa dürfe nicht "eine Veranstaltung großer Staaten sein", es gehe auch um "das gut funktionierende Miteinander von Großen und Kleinen". Und in Kopenhagen, Athen oder Dublin wird man aufmerksam gelesen haben, was Alain Juppé, der Vertraute (und Vordenker?) Chiracs, in einem eigenen Verfassungsentwurf für Europa schreibt: Eine verstärkte Kooperation würde auf Dauer nur Durcheinander erzeugen. Darum sollten "immer die gleichen Staaten das Herz der verstärkten Zusammenarbeit" bilden. Juppé zieht daraus die Konsequenz und plädiert kurzerhand für eine Abschaffung der Kommission.