die zeit: Wann sollte der Mensch anfangen, sich auf das Alter vorzubereiten?

Ursula Staudinger: Überspitzt formuliert, mit der Geburt. Wir altern ein Leben lang auf verschiedenen Ebenen. Eine davon ist die biologische. Es gibt Hinweise, dass die Sünden, die man dem Körper antut, bis 30 reversibel sind, danach nimmt er Raubbau übel. Wir sollten früh mit unserem Körper gut umgehen. Er muss ziemlich lange halten. Aber auch auf der psychischen Ebene geht es nicht erst mit 50 los. Man sollte sich beispielsweise lebenslang eine breite Palette von Interessen erhalten, über die man sich selbst definiert.

Wer sich nur für Karriere und Beruf einsetzt, dem kann es leicht passieren, dass er am Ende der Berufstätigkeit mit nur einem Interesse dasteht: dem Beruf. Und dann wird es sehr schwer, den so genannten Ruhestand zu gestalten, weil man aus dem Nichts heraus plötzlich Lebensinhalte zaubern muss, die die gleiche sinnstiftende Kraft besitzen.

Immer wichtiger werden auch die sozialen Netzwerke, also Freunde. Man muss sich lebenslang bewusst zur Aufgabe machen, freundschaftliche Beziehungen zu hegen und zu pflegen. Sie sind ein extremes Kapital im Alter.

zeit: Kann man mit 60 neu anfangen?

Staudinger: Wir können uns ein Leben lang verändern. Allerdings nimmt das Ausmaß, in dem wir uns verändern können, ab, und der Aufwand, den es uns kostet, nimmt zu. Wir treffen im Laufe unseres Lebens Entscheidungen, die uns in bestimmte Lebenswege lenken und andere ungenutzt lassen. Dieser Entscheidungsbaum verjüngt sich mit der Zeit. Aber die Möglichkeit zur Veränderung ist immer da, auch die zu neuen Beziehungen.

zeit: Welche Rolle spielt die Liebe im Alter?