In Österreich geistert ein Zitat umher es lautet: "Das Phänomen Haider ist das Produkt des Versagens der Aufklärung, die man traditionell links von der Mitte ansiedelt, Produkt der Schwäche der österreichischen Sozialdemokratie und der österreichischen Intelligenz - so weit es sie gibt. Haider ist kein Produkt an sich, sondern eine Folgeerscheinung."

Das hat 1992 Werner Schwab, der Dramatiker, gesagt. Schwabs Analyse hat mich sofort überzeugt sie kommt auch dem allzu menschlichen Bedürfnis entgegen, mit wenigen Sätzen alles sofort im Griff zu haben. Überzeugungen auf den ersten Blick sind fragwürdig, also frage ich: Was kann man gegen Schwab hier einwenden?

Zunächst diese Allgemeinheit: Aufklärung versagt immer, und zwar in den Augen der Ungeduldigen. Solche Ungeduld kann eine Tugend sein, aber nur dann, wenn sie nicht aufgibt, wenn sie ein zeitweiliges Versagen nicht zur Rechtfertigung benützt, Aufklärung überhaupt sein zu lassen. Daraus folgt als zweites Argument eines ad personam: Schwab war genial darin, aus dem (österreichischen) Sprachschutt monströse rhetorische und theatralische Figuren zu formen. Aber ich glaube nicht, dass der Dichter links von der Mitte, wo die Aufklärung angesiedelt ist, besonders viel Zeit verbracht hätte - und das ist wiederum typisch für den Zustand der Aufklärung in Österreich: Aufklären sollen die anderen, von denen man sich aber eh nix erwartet ...

In der Tat ist es fraglich, ob heutzutage Aufklärung und Gegenaufklärung nicht ein seltsam verschlungenes Paar bilden, sodass es - im Interesse der Aufklärung - klüger sein könnte, auf das Wort und seine hehren Ansprüche zu verzichten: Aufklärend wird vielleicht nur noch das wirken, was nicht als Aufklärung identifizierbar und einzuordnen ist, zum Beispiel Schlingensief, der mit seinen Aktionen die Freiheitlichen und ihre Anhänger zwar nicht klüger macht, der aber jene Maschinerie in Gang setzt, durch die die österreichischen Machthaber seit eh und je gerne beweisen, dass sie nicht klüger werden wollen.

Die österreichische Sozialdemokratie ist mit Sicherheit an dem Phänomen mitschuldig, das den Namen Haider trägt. Die Schwächen der Sozialdemokratie sind erschütternd, an ihnen wird das Land noch lange laborieren. Aber das Phänomen Haider ist nicht bloß eine Folgeerscheinung, es ist auch ein Produkt an sich: Der in Österreich lehrende deutsche Psychologe Klaus Ottomeyer hat das Marketing dieses Produktes kühl untersucht: Die Haider-Show. Zur Psychopolitik der FPÖ. Ich empfehle dieses im Drava Verlag erschienene Buch nicht zuletzt jenen, die Haider für einen "begabten" Politiker halten. Mit dieser Begabung ist es nämlich nicht weit her, und wenn ich im Fernsehen sehe, wie der begabte Politiker vom Bierzelt in die Zelte des Muammar al-Ghaddafi hinüberwechselt - auf den Spuren Kreiskys, wie er sagt -, dann erinnert mich das an Stan Laurel und Oliver Hardy, die es ja auch oft genug in weite Fernen verschlagen hat.

Die meisten, die Haider für so begabt halten, sind bloß in den Erfolg verknallt, den er ja tatsächlich hatte. Ottomeyer dekonstruiert diesen Erfolg, der aus wenigen simplen Elementen besteht: Erstens spielt Jörg Haider den Robin Hood, der den Reichen nimmt und den Armen gibt. Zweitens stellt er den männlichen Sportler dar, der bei Männern und Frauen eine Art "verliebter Begeisterung" auslöst. Schließlich tritt er als "Bierzelt-Sozialist" auf, als "Jörgl", den man duzen kann und der den Eindruck erweckt, bald wäre die Klassengesellschaft überhaupt verschwunden. Alle drei Figuren, die in einem Stück von Schwab großen Spaß machen würden, verdecken nach Ottomeyer den "rechtsextremen Teil" Haiders. Diesen hintergründigen Teil hat der Politiker nicht in der Hand, ihn setzt er nicht für die Show ein, ihm ist er gelegentlich ausgeliefert, was zu den berühmten Sprüchen führte wie zum Beispiel: "Die Waffen-SS war ein Teil der Wehrmacht, und es kommt ihr daher alle Ehre und Anerkennung zu."

Ottomeyer nimmt die Strategie auseinander, mit der Haider und die Seinen Ehrenerklärungen dieser Art populär machen wollen: Erst die einschlägige Äußerung, die dann dementiert wird. Mit dem Dementi bleibt der Inhalt der Äußerung im politischen Diskurs, und die Anhänger sind auch nicht böse, weil das Dementi als taktisches Zugeständnis an die "Gutmenschen" und ihren "Tugendterror" wahrgenommen wird. Das führt zu einer geradezu habituell gewordenen, lächelnden Doppelzüngigkeit, zu einem Augenzwinkern in Permanenz.