Können Heerscharen von Ökonomen irren? Mike Moore, der unverwüstliche Chef der Welthandelsorganisation (WTO), baut in diesen Tagen jedenfalls darauf, dass so etwas keiner für möglich hält. Für seine jüngste Charmeoffensive hat der WTO-Chef gewichtige Außenhandelstheoretiker eine Studie fertigen lassen, die zum Ergebnis kommt: Offener Handel lässt die Wirtschaft in Ländern der Dritten Welt schneller wachsen, und das hilft auch den Armen. Es gibt zur Zeit viele solcher Studien. "Das müssen wir kommunizieren", sagt Moore. "Handel ist wesentlich, damit arme Menschen Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben können."

Die warmen Worte haben natürlich einen kühl kalkulierten Zweck: In Sachen Dritte Welt schlägt Moore seit der gescheiterten WTO-Konferenz von Seattle ein scharfer Wind entgegen. Die Delegierten der ärmeren Länder sind jetzt so richtig auf den Geschmack gekommen, ihr Vetorecht auszukosten, und haben damit deutlich an Einfluss gewonnen. Zugleich werfen westliche Aktivistengruppen der WTO vor, der Welthandel und die Globalisierung verschärften die Not in den armen Ländern. Nahe liegend, dass Moore und seine Helfer nun die Ökonomen in den Zeugenstand rufen. Schließlich gehören die Vorteile des Freihandels zu deren wichtigsten Glaubensbekenntnissen.

Das Problem ist nur, dass sie es im Fall der Dritten Welt nicht richtig beweisen können - trotz des Bergs neuer Studien. Um das zu verstehen, lohnt es sich, in die ökonomische Theorie einzusteigen. Die derzeit kursierenden "wissenschaftlichen Belege" stehen allesamt in der Tradition der so genannten Cross Country Regression: einer Form der Beweisführung, in der man sich einen Pulk von Ländern vornimmt und dann ermittelt, ob bestimmte Eigenschaften (etwa offener Handel) besonders häufig mit anderen Eigenschaften (etwa Wirtschaftswachstum) zusammentreffen. Es ist eine ehrbare, aber problemgeschüttelte Methodik.

Die Welt ist komplex, die Daten sind schlecht, und was genau ist schon "offener Handel"? Ursache und Folge kann man nie zweifelsfrei auseinander halten. Keine Studie konnte bisher die Zweifel anderer Ökonomen ausräumen, ob nicht Faktoren neben der Freizügigkeit im Handel für das Wirtschaftswachstum entscheidender waren - Infrastruktur, Bildung, ein funktionierender Finanzmarkt. "Wenn der Zusammenhang zwischen Handelsschranken und Wirtschaftswachstum überzeugend gezeigt wäre, gäbe es wohl kaum diese Menge neuer empirischer Forschung", spottet der Harvard-Ökonom Dani Rodrik.

Das Gegenteil ist natürlich erst recht nicht bewiesen, und für das Wachstum der Weltwirtschaft insgesamt war die Handelsöffnung der letzten 50 Jahre eindeutig ein Segen. Zahlreiche Entwicklungs- und Schwellenländer haben seit 1970 kräftig mitprofitiert - aber andere so gut wie nicht. Über die Zusammenhänge wissen wir nicht genug.

Das gilt insbesondere für den noch komplexeren Zusammenhang zwischen Handel, Wachstum und Armut. Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung muss täglich mit weniger als vier Mark auskommen - und Armut hat meist eine Fülle von Ursachen, von der Bildung und Gesundheit bis hin zum Betragen der jeweiligen Regierung. Die von Moore so eifrig beworbene WTO-Studie gesteht selber ein, dass Handel da viel nützen kann, aber manchmal sogar schadet. Wenn sich Märkte öffnen, brechen oft auch bislang geschützte Branchen zusammen, die den Heimatmarkt beliefert haben. Die Menschen werden arbeitslos, und manchmal finden sie auch langfristig keine neuen Jobs. Eine engagierte Wirtschaftspolitik könnte solche Strukturprobleme meistern, und ein gutes Wohlfahrtssystem könnte die Verlierer entschädigen - das ist die Lehrbuchantwort der Ökonomen auf dieses Problem. Doch den meisten Regierungen in der Dritten Welt fehlen zu beidem die Mittel oder gar der Wille.

Eine Handelsöffnung kann unter Umständen also noch mehr Armut und Hunger verursachen. Wenn schon neue WTO-Studien, dann sollten sie ein paar wichtige, immer noch offene Fragen untersuchen, zum Beispiel: Unter welchen Bedingungen ist eine Handelsliberalisierung für ein armes Land gut oder schlecht? Sollte man pauschal über alle Handelsschranken urteilen, oder sind Zölle auf Fertigprodukte (zum Schutz heimischer Branchen) anders zu bewerten als solche auf Produktionsmittel?