Vom Fenster des Konversationszimmers im Berliner Hotel Adlon geht der Blick direkt auf das Brandenburger Tor. Kent Nagano, Amerikaner mit japanischer Abstammung, wird zwar ab September als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO) das hauptstädtische Kulturleben wesentlich mitbestimmen. Aber noch stutzt er, wenn man ihn auf die Aussicht hinüber zu dem auratischen Monument hinweist.

Weder mit dessen Symbolcharakter noch mit der klassizistischen Mixtur aus Propyläen-Schwärmerei und Sieges(göttin)-Utopie um weiland Friedrich Wilhelm Zwei kann Kent Nagano bislang viel anfangen.

Im November 1991, in der Reihe Musik der Gegenwart des SFB, gab er in Berlin zum ersten Mal seine Visitenkarte als Dirigent ab, mit zwei Komponisten, die nach wie vor zu seinen Favoriten zählen: dem Engländer George Benjamin und dem Amerikaner John Adams. Vor drei Jahren debütierte er am Pult der Berliner Philharmoniker. Und sein "Berlin-Gefühl" heute? Er ist vermutlich nicht der Einzige in der Stadt, der zwischen kühnem Aufbruchs-Elan und vorsichtiger Skepsis hin und her schwankt: "Alles ist in so rasanter Entwicklung und von einem Tag auf den anderen bereits nicht wieder zu erkennen." Was freilich auch für ihn gilt: Seine anfängliche Zusage, auch musikalischer Chef der Deutschen Oper Berlin zu werden, zog er alsbald zurück. Schnell auch wurde er in die Querelen um die Zukunft der Berliner Orchesterlandschaft hineingezogen: "Niemand weiß, was überhaupt an kulturellem Leben stattfinden kann und soll in nächster Zukunft." Gleichviel, seinen Elan will er sich davon nicht vermiesen lassen. Think positive! heißt in seiner Interpretation auch: sich seiner selbst, seiner Mitstreiter und ihrer gemeinsamen Ziele und Absichten ganz sicher zu sein.

Mit Bedacht erklärt er seinen "dringenden" Wunsch, in Deutschland "zu leben": Er möchte vor allem die Sprache lernen und damit die Grundlage gewinnen für "ein ganz anderes Verhältnis zur Kultur eines Landes, also auch zum Verständnis der Künstler - den Menschen begegnen, die Luft atmen, den Rhythmus des Lebens spüren, die Literatur lesen, kurz: die Tradition verstehen". Ein nur scheinbar rückwärts gewandter Blick: "Man hat eine besondere Perspektive in und für die Zukunft, wenn man die Vergangenheit in sie hinein zieht." Denn ein für Nagano zentraler Begriff heißt "Kontinuität", der für ihn keineswegs nur vordergründig zeitlichen Anschluss bedeutet, sondern eher geschichtsphilosophisch den Zusammenhang von Kulturen.

Ein frühes Beispiel hörten wir 1994 bei den Salzburger Festspielen, wo Nagano zwei Werke von Igor Strawinsky dirigierte (inszeniert von Peter Sellars): Oedipus Rex und die Psalmensymphonie. Zunächst der "profane" griechische Urmythos, von einem Franzosen (Jean Cocteau) neugefasst, von einem katholischen Priester (Jean Daniélou) ins Lateinische übersetzt. Direkt daran anschließend die existenzielle und alle Konfessionalität überspringende Psalm-Trias, komponiert in musikalischer Strenge, die einen mittelalterlich-unverschnörkelten Duktus aufgreift. Und die Souveränität, mit der Nagano dieses Archaisierende in der Moderne präsentierte, hatte damals wesentlichen Anteil an "Ton" und Erfolg des "Neuen Salzburg".

Aktuelles Beispiel für "Kontinuität": Gleich im ersten Konzert der kommenden Saison wird Nagano Anton Weberns Passacaglia op. 1 mit der Messe Au travail suis von Johannes Ockeghem und Gustav Mahlers Neunter Sinfonie kombinieren.

Was auf den ersten Blick so disparat erscheint, erweist sich in einer Art Zeitraffer-Fernrohr als Verwandtschaft ersten Grades: eine so genannte Cantus-firmus-Messe - eine liturgische Musik also, aber komponiert über das Anfangsmotiv von einem selbst verfassten weltlichen Rondeau - aus der ersten Hochblüte der Vokalpolyphonie (etwa Mitte des 15. Jahrhunderts) zwischen dem ersten (noch polyphonen) Meisterwerk des später für die Avantgarde wichtigen Webern und dem wiederum mit polyphonen Mitteln an die Grenze des tonalen Systems stoßenden Mahler. "Die Evolution macht die eigentliche Entwicklung aus