Fast scheint es, als habe die Commerzbank ihr Herz für die Armen dieser Welt entdeckt: Seit einem halben Jahr vergibt das Kreditinstitut im Kosovo Kleinstkredite an die Bewohner des ehemaligen Kriegsgebietes. Und jetzt überlegen die Frankfurter sogar, dieses Angebot auf weitere Länder Osteuropas auszuweiten.

Doch hinter der ungewöhnlichen Offerte steckt Kalkül. Als die Commerzbank Ende vergangenen Jahres entschied, sich an der Micro Enterprise Bank (MEB) im Kosovo zu beteiligen, spielten langfristige Strategien eine entscheidende Rolle: In den Staaten des ehemaligen Ostblocks wähnt das viertgrößte Bankhaus Deutschlands die Märkte der Zukunft. Da lohne es sich, rechtzeitig vor Ort zu sein, erklärt Jan Baechle, Fachbereichsleiter für Mittel- und Osteuropa in der Zentrale.

Einen ersten Eindruck vom micro-lending - der Fachausdruck für den kleinen Kredit für den schmalen Geldbeutel - bekam die Commerzbank, als vor zwei Jahren die Weltbank-Tochter International Finance Corporation zusammen mit mehreren internationalen Finanzpartnern und der Investmentgesellschaft Internationale Micro Investitionen (IMI) eine Bank in Sarajevo gründete.

Damals bekam die Commerzbank den Auftrag, als Partnerbank den gesamten Zahlungsverkehr der Gruppe abzuwickeln.

Eine gute Gelegenheit für die Frankfurter, den internationalen Kollegen bei ihrer Art des Geldverleihs über die Schulter zu schauen - und zwar an eine Zielgruppe, die eben nicht aus den üblichen Großinvestoren besteht. Hier leihen Kleinunternehmer, die manchmal nicht mehr als ein paar hundert Mark brauchen. Sie gelten in Deutschland als unsichere Kandidaten im Kreditgeschäft, die viel Arbeit machen und angeblich oft ihre Schulden nicht zurückzahlen. Ein schlichtes Vorurteil, wie die Frankfurter feststellen mussten.

Ein Meinungswandel, der den Gründer und Manager von IMI, Claus-Peter Zeitinger, überrascht hat: "Das ist ungewöhnlich und mutig gewesen", schließlich würden Privatbanken vorzugsweise in prestigeträchtige Großprojekte in Entwicklungsländern investieren. Anlageberater Zeitinger, der sein Geld in Mikrobanken rund um den Globus gesteckt hat, versucht schon seit über 15 Jahren, sinnvolle Entwicklungshilfe und Profit mittels micro-lending zu verbinden. Dabei helfen ihm seine durchweg guten Erfahrungen mit den kleinen Schuldnern: Gerade sie seien oft die Zuverlässigsten, wenn es um die Rückzahlung des Geliehenen ginge. Auch bei der neuen Bank im Kosovo ist er zuversichtlich: "Das wird auf lange Sicht profitabel." Im ersten halben Jahr seien in den drei Filialen schon 176 Kredite im Wert von fast zwei Millionen Mark vergeben worden. Zwei weitere Filialen würde die Bank im Herbst eröffnen, so Zeitinger. Die Commerzbank geht sogar noch einen Schritt weiter: "Wir sondieren schon die Märkte in Bulgarien, Rumänien und Kroatien für weitere Mikrobanken", verrät Osteuropa-Spezialist Baechle.