Ja, doch, wir verstehen alles. Und verstehen nichts. Weil Goethe im Faust Mephisto als "Pudel" auftreten lässt, müssen wir in allen Aufführungen ein dressiertes, frisiertes Kleintier erdulden, dessen possierliches Getue die Zuschauer zu Beifall rührt.

Nichts da. Goethe denkt an einen poodle, einen hüfthohen Jagdhund, mit dem zu seiner Zeit Studenten Eindruck schinden wollten wie heute mit dem Cabrio. Und wer weiß schon, dass Schiller, Hölderlin, wenn sie von "Duft über dem Tal" dichten, nicht an frisch gemähtes Heu oder Tannenaroma denken, sondern an Dunst, an Nebelschleier.

Also kein Stirnrunzeln, wenn nun zu einem 1891-Seiten-Epos, das "erst" in den Jahren 1968 bis 1983 erschienen ist, jetzt "schon" ein 1136-Seiten-Kommentar mit fast 100 Seiten Quellenverzeichnis, mehreren Personen- und Sachregistern erscheint. Ein Roman - bewusst vermeidet der Erzähler Uwe Johnson für sein Jahrhundert-Epos Jahrestage diese Gattungsbezeichnung -, der vom 21. August 1967 bis zum 20. August 1968, dem Tag, als die sozialistischen "Bruder"-Staaten mit Militärgewalt in die Tschechoslowakei einfielen, die Tage eines Jahres erzählt und dabei stets, oft ausführlich, Meldungen aus der New York Times und dem Vietnamkrieg zitiert, - ein so umfassendes Werk, das gleichzeitig weit zurückschaut in das Mecklenburg des 19. Jahrhunderts, braucht den Kommentar.

Das spricht nicht gegen Johnsons Erzählung! Im Gegenteil. Ein an die niederdeutsche Fabeltradition realistischen (auch: humoristischen) Erzählens von John Brinckman und Fritz Reuter anschließendes Werk wird (nur) verständlich, wenn Wörter, Redensarten, Eigenheiten - nicht nur der Sprache - der durch Hitlers Angriffskrieg verloren gegangenen deutschen Sprach- und Dichtungsquellen erklärt werden.

Was schütten die in sich rein, wenn sie sich noch einen "Kniesenack" genehmigen? Jetzt erfahren wir: "In Güstrow gebrautes, dunkles Bier mit hohem Alkoholgehalt

um 1500 als ,Knesenac' erstmals erwähnt

auch ,Fürstenbier' genannt."