Ein herzhaftes Motto hatte er sich ausgedacht, eines, an dem sich kräftig herumknuspern lässt. Endlich einmal sollte die Architektur-Biennale in Venedig mehr zeigen als nur das übliche Sammelsurium der Schönen und Stolzen.

Deshalb wählte Massimiliano Fuksas für die weltgrößte Bauschau nicht irgendeinen lappigen Titel, er verpasste ihr ein Mini-Manifest: Die Stadt: weniger Ästhetik, mehr Ethik. Ein Motto, das die Architekten zur moralischen Ordnung ruft: Bäumt euch auf, seid politisch, baut nicht schön, baut gerecht!

Doch was ist gerechte Architektur, welche Form hat Ethik? Kann ein Bauwerk auch Bollwerk sein gegen Umweltverpestung und Überbevölkerung, gegen die Übermacht der Global Player und die Ohnmacht lokaler Stadtplaner? Wie läßt sich eine Debatte über die Regeln für ein gelingendes Leben eigentlich ausstellen?

Mit solch ernsthaften Fragen kann Fuksas, Architekt in Rom und in diesem Jahr Leiter der Biennale, nur wenig anfangen. Er ist ein gelassener Schwärmer, den weder philosophische Tiefengänge noch praktische Konzepte sonderlich interessieren, und seine Ausstellung entwickelt - zum Verdruss vieler Kritiker - auch keine Rezepte für eine bessere Welt. Und doch macht sie Mut zur Utopie, zum Denken im Konjunktiv. Es sind die Träume eines befreiten Lebens, die Fuksas in seiner Ausstellung reaktivieren will und mit denen er sich seiner wilden Studentenzeit im Rom der sechziger Jahre erinnert. Ähnlich wie auf der letzten documenta feiern nun auch auf der Biennale die Helden des politischen Aufbegehrens eine Wiederkehr.

Doch wo Kassel asketisch und kühl war, feiert Venedig ein ungeahntes Sinnenfest: Nie zuvor ist Architektur so vielförmig und schräg, so laut und flackernd vorgeführt worden. Da gibt es flauschige Sitzecken, ein halbes Fußballfeld aus Kunstgras, einen zum knallbunten Nomadenmobil umgebauten Unimog. Mal muss man schmale Stege überqueren, mal sich auf einer Art Tanzfläche drehen, überall hört man Clubmusik, aus allen Ecken trifft einen der Strahl der Videoprojektoren. Die Architektur beginnt sich in Venedig von ihrem Auftritt als Hochkultur zu verabschieden: Architecture goes pop. Nicht Lagepläne, sondern Lebensgefühle werden aufbereitet, bilderwütig und bewegt.

Das ist anstrengend, manchmal unerträglich. Doch vor allem die Fachfremden lockt die neue Lockerheit, und so lustvoll und opulent viele Inszenierungen auch sind, stecken sie doch zugleich voll unerwarteter Erkenntnisse.

Geschmeidige Bauten lösen sich aus den Banden der Realität