Der sich Gedanken machte über die "Umwertung aller Werte", folgerichtig auch Über die Zukunft unserer Bildungs-Anstalten, aber auch über "Menschliches, Allzumenschliches" - und dies alles auch noch als "fröhliche Wissenschaft" ausgab -, Nietzsche musste Kritiker und Sympathisanten vor den Kopf stoßen, etwa mit diesem (anti-?)aufklärerischen Satz: "Wer den Leser kennt, der tut nichts mehr für den Leser. Noch ein Jahrhundert Leser - und der Geist selber wird stinken."

Wäre es besser gewesen, man hätte die bös erkenntnisfähige Sentenz nicht gelesen, sondern gehört, in der sächsisch weichen Aussprache des 1844 in Röcken bei Lützen - natürlich in der Genie- und Unglücksschmiede eines protestantischen Pfarrhauses - geborenen Philosophen als Dichter, der sein letztes Jahrzehnt, bis zum Tod 1900, im Wahnsinn verdämmerte?

Sokrates mit Kopf-Mikrofon beim Gastmahl? Luther vor einer Lautsprecheranlage beim Reichstag zu Worms, am 18. April 1521, der bekennt: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helf mir! Amen." Was gäben wir darum, ein paar Tondokumente großer Dichter oder Philosophen hören zu können. - Was könnte man lernen, über alle Wortbilder hinaus, von ständiger Pfuscherei an der so genannten Rechtschreibung zu schweigen - einfach durch Artikulation, Ton, Aussprache, Stimmklang des Redners.

All dies kann man erleben in Hörbüchern. Wer gelegentlich an den bis ins Feinste verästelten Satzgebilden des Philosophen Theodor W. Adorno zu scheitern droht, folgt der freien Rede des großen Mannes mit Aufmerksamkeit, ja Vergnügen. Eine helle, hohe, bis in Nebensilben um Deutlichkeit nicht bemühte, sondern schon aus Höflichkeit an den Hörer denkende Stimme lädt ein zum Mitdenken. Manierismus der Formulierung, Ziselierung der Gedankenführung, wie sie beim Lesen stören können, verschwinden, wenn man diesem Denkmeister zuhört, der ein Künstler war. All der Zitaten-Brokat, das Bildungsgebirge verschwinden, wenn man dem belesenen Mann lauscht, der Universal-Wissen mit leiser, doch entschiedener Stimme preisgibt. Kein Alleswisser. Ein neugieriges, großes Kind, das uns am Staunen über Welt und Mensch und Kunst teilnehmen lässt. Unglaublich, dass solche Sendungen in dem verwahrlosten Rundfunk einmal möglich waren. (Autobahn Universität Theodor W. Adorno - Gespräche mit Ernst Bloch, Horkheimer, Kogon, Canetti, Lotte Lenya, Arnold Gehlen, Hans Mayer Carl-Auer-Systeme Verlag und Edition SWR 2 6 Audiokassetten 320 Minuten, 128,- DM) Noch ein Versuch der Wiedergutmachung an einem anderen Emigranten: Der sich kühn auf nicht populistisches Gelände wagende Hörbuch-Verlag supposé in Köln bringt Vorträge von Vilém Flusser heraus, einem der anregenden Gelehrten, die sich zwischen Philosophie, Soziologie, Ethnologie und Politologie bewegten und schon deshalb in unserem Schubladen-Ländchen wenig geachtet waren. Der in Prag geborene Denker, der eine Begabung hat, abstrakte Denkvorgänge in anschauliche Bilder zu übersetzen, musste unter den Nazis emigrieren, lebte lange in Brasilien, später in der Welt angelsächsischer Kultur. Die Fülle an Material, an Vergleichsmöglichkeiten verschiedener Kultursphären belebt seine Texte (Heimat und Heimatlosigkeit 50 Minuten, 32,- DM Die Informationsgesellschaft 44 Minuten, 32,- DM).

Erholung bei Nietzsche, wie Peter Wapnewski ihn versteht und vorliest. Der Vorleser, der so viel gelesen hat, erliegt nicht der Verführung, durch Nietzsches wild rhapsodischen Ton neue Erkenntnis mitzuteilen. Eine schöne, dunkle, auch zu geheimnisvollem Raunen fähige Stimme lullt nicht ein, sondern weckt auf. Nah - und doch wie hinter einer dünnen Scheibe, so alle Gedanken Nietzsches durchdacht und wiedergekäut wurden - spricht eine Aufmerksamkeit für jedes Wort fordernde Stimme zu uns und bringt uns die philosophischen, poetischen Brocken des Buches Also sprach Zarathustra bedrängend nah: "Wenn man viel hineinzustecken hat, so hat ein Tag hundert Taschen." - "Der Schmerz macht Hühner und Dichter gackern" (Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra gelesen von Peter Wapnewski Der HörVerlag/SFB 6 MCs, 513 Minuten, 82,- DM).