Eigentlich beginnen die Münchner Opernfestspiele ja mit einer opulenten Eröffnungspremiere, aber dieses Mal ist alles anders. Der eiserne Vorhang bleibt geschlossen. Ganz still und leer ist das Haus. Die rauschende Musik, die Sängerauftritte, der Premierenglanz - das alles scheint schon lange vorbei zu sein. Nur ein paar Arbeiter rumoren noch in den Kulissen, und ein alter Bühnenwart in abgewetzter Kleidung führt eine schwatzende Touristengruppe über die Hinterbühne. "38 Prospektzüge, 27 Meter hoch", ruft er, "alle mit Gewichten ausgekontert." Auf ein altmodisches Tonbandgerät mit Mikrofon deutet er: "Hier sehen Sie den Applausmesser, sehr wichtig für die Erfolgsstatistik." Ein Assistent streut kleine weiße Papierschnipsel von einem Stahlgerüst: "Und das, meine Damen und Herren, ist der Ein-Personen-Hand-Schnee."

Eine Eröffnungsgala - man ahnt es bald - wird aus diesem Abend nicht werden.

Was wir erleben, ist Theater nach dem Ende von Theater, ein weher Abgesang auf die Bühnenkünste, eine kleine schummrige Les Adieux-Sonate anstelle großer Oper. Der eigenwillige Schweizer Theatermacher Ruedi Häusermann zeigt in seinem Stück Kanon für geschlossene Gesellschaft liebevolle Verrichtungen der letzten Überlebenden des Theaterbetriebs. Für das Münchner Cuvilliés-Theater hat er es komponiert mit der für ihn typischen Leidenschaft für paradoxe Verkehrungen: Im Verstaubten sucht er den Glanz, im Undramatischen entdeckt er die Dramatik und im Schweigen die Beredsamkeit.

Das Publikum sitzt deshalb auch auf der falschen Seite. In die dunkle Hinterbühne hat Häusermann es gepfercht, auf eine steile Brettertribüne mit Blick auf den geschlossenen Vorhang. Hier, im schäbigen Bauch der Bühnenmaschinerie, führen (selbst)vergessene Arbeiter die guten alten Theatertricks von einst vor. Der Bühnenwart knipst die große Windmaschine an.

Der altersschwache Schneesturmautomat spuckt noch einmal seine Schaumflocken auf die Bühnenbretter und - "Hagel, meine Damen und Herren!" - eine Hand voll Erbsen rieselt in eine Blechschüssel. Viel mehr passiert nicht.

Häusermann liebt solche stummen surrealen Miniszenen, die die Ärmlichkeit des schönen Scheins bloßstellen und doch ihre ganz eigene Poesie offenbaren. Und er liebt die vertrauten Alltagsgeräusche des Theaters, das endlose Surren der Parkettbohnermaschinen, klappende Holzluken, das satte Geräusch der schwer ins Schloss fallenden Stahltüren, die Alarmklingel des eisernen Vorhangs. Zu einem dreifach wiederholten Kanon fügt er all die kruden Bewegungsabläufe und Geräusche zusammen, mischt leise einen zerstückelten Blues aus zart wimmernden Blechblasinstrumenten, Akkordeonklängen und geheimnisvollen Wisch-und Klopfgeräuschen dazu - und lässt darüber hinaus die Zeit großzügig vertrödeln.

So zieht dieser merkwürdige Theaterabend in seiner löchrigen Dramaturgie gemächlich vorüber - mit vielen skurrilen Einfällen, aber manchmal auch nervtötend zäh. Nur eine echte Sensation hält die Aufführung bereit, einen wahren Theatercoup: Wenn sich im düsteren Bühnenturm plötzlich bimmelnd der eiserne Vorhang hebt und den Blick freigibt auf den leeren, in feierlichstem Rot und Gold erstrahlenden Zuschauerraum des Cuvilliés-Theaters. Wie eine Fata Morgana wirkt dieser Anblick, fern und schön zugleich. Stotternd, in einer Endlosschleife wiederholt, erklingen ein paar Takte aus Mozarts Oper Idomeneo, die in dem Rokokotheater uraufgeführt wurde. Aufregender als Häusermanns Trödel-Theater wäre die allemal gewesen.