Die Flügel sind zusammengefaltet, die Schmetterlingssammlung ist zugeklappt.

Die 5. Bonner Biennale ist zu Ende. Zurück bleibt die Einsamkeit. Denn die Auswahl von Inszenierungen, die der Dramatiker Tankred Dorst und der Bonner Intendant Manfred Beilharz getroffen hatten, war voll davon. Vielleicht weil sie sich besonders den flatternden Faltern vor den Fenstern Europas zugewandt hatte, den Ländern des Ostens. Deren Theater zeigte ein Stück

Bühnen aus Albanien, Bulgarien, Kroatien, Mazedonien, auch aus Russland variierten die gleiche Szene: verlorene Seelen in verspukten Gehäusen, um sie herum das Gesellschaftsnichts. Irre, Einsame, Strafgefangene, Waisen - ihre Fantasien sind aussichtslos, ihre Streitformen unentwickelt. Daheim droht Erstarrung, doch Europa ist das Licht, an dem man sich die Flügel verbrennt. - Um wie viel süßer hingegen die Qualen des Ichs, die das West-Theater salbt, und wie viel selbstsicherer und gekonnter seine Mittel. Noch immer geht ein Riss durch Europa, aber unter ihm ruht das Massiv eines unerschütterten Theaterkontinents. Diesen Grund bloßzulegen ist das Verdienst des Festivals, das nicht die berüchtigten Highlights, sondern den Bühnenalltag zeigt. Und wie reich der ist! 25 neue Stücke aus 19 Ländern bot die Biennale, übersetzte jedes und dolmetschte es simultan - was für eine Leistung! Und reicherte das Überangebot mit Foren und Arbeitstreffen an: Durch Bonn schlenderten die Dramatiker Europas. Deren Theater zeigte sich nah am Leben, zaghaft politisch, entschlossen poetisch. War manchmal belehrend, oft erheiternd, viel öfter bitter, selten rätselhaft - und wird wahrscheinlich nirgendwo in Europa derzeit so bezweifelt, so infrage gestellt wie im theaterreichsten Land, in Deutschland.