Eine Nebensächlichkeit prägte sich ihr ein, ein belangloses Detail angesichts des Höllenkreises, den sie betrat. "Ich weiß noch, dass es keine Vögel gab, nicht einen einzigen." Totenstille lag über dem Konzentrationslager Bergen-Belsen, als die 20-jährige Helen Bamber im Frühherbst 1945 dort eintraf, um Hilfe für die Überlebenden zu organisieren.

Das Fleckfieber grassierte, überall begegneten den Freiwilligen, wie ein Augenzeuge meldete, "sterbende Menschentiere": "Halbtote lagen auf Toten, um ihre Knochen vor dem Boden zu schützen, einem Morast aus Kot, Urin, Erbrochenem und verwesendem Fleisch."

Wer den Torturen standgehalten und seine nackte Haut gerettet hatte, blieb am Ende doch verloren - ohne Hoffnung, ohne Würde, ohne eigene Existenz. Am Tag, als Bamber ankam, kapitulierte eine Mutter vor den Furien der Vergangenheit.

Sie vergiftete ihr Kind und nahm sich das Leben. So sah der "Endsieg" der nationalsozialistischen Mörder aus.

Die "völlige Aufhebung der Zivilisation", die Bamber in Bergen-Belsen zu Gesicht bekam, hat sie, die Nichtverfolgte, für immer gezeichnet. Nie mehr, schwor sich die Tochter jüdischer Einwanderer, würde sie Unrecht stillschweigend dulden. Diesem Vorsatz ist sie, wie Neil Beltons Biografie belegt, bis heute treu geblieben - über alle Rückschläge hinweg und nicht selten zum Verdruss des britischen Beamtenapparates, den sie mit Kampagnen gegen Folter und Rüstungsexporte überzog.

Wie sehr die resolute Dame den Politfunktionären auf die Nerven ging, lässt Beltons glänzende Studie ahnen. Ohne die Widersprüche seiner Protagonistin zu verdecken, hat der irische Publizist eine Würdigung Helen Bambers zustande gebracht, die ihren Verdiensten gerecht wird. Zugleich hält sein Buch die Erinnerung an jene Terrorexzesse wach, die Bamber furchtlos anprangerte: die Diktaturen in Südamerika oder der Sowjetunion, die militärischen Konflikte und Bürgerkriege auf dem afrikanischen Kontinent, wo man Menschen vergewaltigte, misshandelte und aufs Widerwärtigste quälte, um sie dem Machthunger autokratischer Potentaten gefügig zu machen.

Belton lässt es nicht dabei bewenden, die bestialischen Einzelheiten solcher "Verhöre" zu protokollieren. Vielmehr entreißt er die Opfer, deren Identität die Folter auszulöschen sucht, dem Vergessen, verleiht ihnen Sprache, Namen und Gesichter. Ohne ins Pathetische zu entgleiten, vertraut seine Darstellung auf die Fähigkeit, die Bambers Lebenswerk beflügelt hat: Mitleid zu wecken mit dem geschundenen und erniedrigten Individuum.