Alltag im ältesten Volk der Welt: Eine 75-jährige Frau wechselt ihrem 80-jährigen Mann die Windeln. Die 70-jährige Nachbarin führt den Haushalt für ihre 90-jährige Mutter. Zwillinge, die sich gegenseitig versorgen, feiern gemeinsam hundertsten Geburtstag - all das gibt es nicht nur in Japan, aber dort eben besonders häufig.

Neuerdings widmen sich auch ältere Männer im Inselreich der Pflege ihrer kranken Frauen. Ein Bürgermeister wurde berühmt, weil er sein Amt aufgab, um seine Frau zu pflegen. Sein Buch, in dem er die Erfahrungen als hingebungsvoller Ehe-Senior beschreibt, findet breite Resonanz, weil kaum ein anderes gesellschaftliches Thema so drängt wie die Frage nach dem Umgang mit den Alten.

Traditionell wird in Japan von den Kindern erwartet, dass sie die Eltern bis ans Lebensende pflegen. Doch diese Vorstellung lässt sich immer schwerer durchhalten, nicht zuletzt, weil die Japaner so alt werden: Die Frauen leben durchschnittlich 84 Jahre, die Männer immerhin 77. Schon heute ist jeder siebte Japaner über 65, und in jedem dritten Haushalt leben alte Menschen, während gleichzeitig die Geburtenrate sinkt und sinkt. Familien ohne Kinder oder mit höchstens einem sind längst die Regel. Zwar sehen diese Eckdaten etwa in Deutschland nicht grundlegend anders aus. Aber die Dynamik der "Vergreisung" ist einmalig in Japan: Innerhalb von 30 Jahren wird sich die Zahl der Alten verdoppeln.

Altwerden kann die Familie belasten. Etsuko Suzuki, eine 55-jährige Hausfrau aus Nagano in den japanischen Alpen, brachte ihren geistesabwesenden 89-jährigen Schwiegervater in ein Altersheim, nachdem seine Pflege die ganze Familie erschöpft hatte. Im Heim hat Suzuki den Alten oft besucht, bis er dahinschied. Heute hat sie deshalb kein schlechtes Gewissen: "Als wir alles allein machen mussten, waren wir nervös, angestrengt und längst nicht mehr in der Lage, zum Großvater nett zu sein."

Aus ihrer Umgebung aber hagelte es Kritik. Ihre erwachsene Tochter musste sich sogar von ihrem Verlobten trennen, weil dessen Eltern es unmöglich fanden, dass die Familie der Freundin den Schwiegervater ins Heim schickte.

"Eine Schwiegertochter aus einer solchen Familie würde sich weigern, uns zu pflegen", sagten die Eltern ihrem Sohn.

Trotz solcher Einwände wird für die Alten immer häufiger nach Hilfe außerhalb der Familie gesucht. Viele japanische Frauen, mehr als in Deutschland, gehen heute einer Beschäftigung nach. Wenn eine Frau berufstätig ist und dazu noch Kinder hat, ist es unmöglich für sie, sich um die greisen Eltern allein zu kümmern. Auf ihren berufstätigen Mann kann sie sich meist nicht verlassen, weil ihn entweder die Arbeit vollauf in Anspruch nimmt oder er die Altenpflege als Frauenaufgabe betrachtet. Gleichzeitig sind es die Frauen müde, zu Hause alles allein machen zu müssen. Die Regierung hat der sozialen Entwicklung mit einem neuen Gesetz zur Pflegeversicherung in diesem Jahr Rechnung getragen. Allerdings warfen auch in diesem Fall konservative Politiker der Regierung vor, die konfuzianische Tradition der Elternpflege durch die Kinder zu zerstören.