Vor acht Jahren stand der Präsidentschaftskandidat und Gouverneur Bill Clinton vor der Entscheidung, den zum Tode Verurteilten namens Ricky Ray Rector hinrichten zu lassen - oder die Strafe in lebenlängliche Haft umzuwandeln. Rector war geistig schwer behindert

eine Begnadigung hätte seinerzeit in Arkansas keine allzu große Empörung ausgelöst. Doch Clinton wollte als "Neuer Demokrat" zeigen, dass seine Partei ihre notorischen Skrupel bezüglich der Todesstrafe überwunden habe - und unterschrieb den Vollstreckungsbefehl.

Vor vier Wochen stand Präsidentschaftskandidat und Gouverneur George W. Bush vor der Entscheidung, den zum Tode Verurteilten Ricky McGinn hinrichten zu lassen oder ihm einen Aufschub zu gewähren. McGinn war wegen Sexualmordes an seiner 12-jährigen Stieftochter verurteilt worden, und trotz Zweifeln an seiner Schuld hätte seine Exekution in Texas keine allzu große Empörung ausgelöst. Doch Bush wollte, gemäß seinem Wahlkampfslogan, als "mitfühlender Konservativer" zeigen, dass auch Republikaner Skrupel haben können - und verlängerte McGinns Leben um weitere 61 Tage.

Beide, Clinton wie Bush, waren und sind uneingeschränkte Befürworter der Todesstrafe. Beide haben in ihren Wahlkämpfen versucht, die Stimmung in der Bevölkerung möglichst genau zu treffen. Die hat sich offensichtlich geändert zwischen 1992 und heute, zwischen Clintons Angst, als Weichling dazustehen, und Bushs Sorge, als execution happy zu gelten.

Bush ist weit davon entfernt, grundsätzliche Einwände gegen die Todesstrafe zu akzeptieren. Aber er musste in den letzten Monaten erkennen, dass sein nationaler Rekord von über 130 unterschriebenen Hinrichtungsbefehlen gerade bei den heftig umworbenen Wählerinnen eher Gänsehaut als Beifall auslöst. Die meisten Amerikaner haben zwar weiterhin nichts gegen die Todesstrafe an sich, wohl aber gegen die Art ihrer Anwendung.

Anfang der neunziger Jahre war es für Anwärter auf Präsidenten-, Gouverneurs- und Abgeordnetensessel noch opportun, die Beschneidung von Berufungs- und Revisionsinstanzen für Todeskandidaten zu fordern. Öffentliche Mittel für Pflichtverteidiger in Mordprozessen wurden zusammengestrichen: In manchen Bezirken erklärten Staatsanwälte das Risiko von Fehlurteilen zu einem erträglichen Preis im Kampf gegen das Verbrechen. Jetzt schwingt das Pendel in die andere Richtung: Es wächst das kollektive Erschrecken über den Zustand der Strafjustiz - sogar im christlich-fundamentalistischen Spektrum, wo das alttestamentarische "Auge um Auge, Zahn um Zahn" immer mehr wog als das fünfte Gebot. Selbst Fernsehprediger Pat Robertson wünscht jetzt ein Moratorium.

Bush setzte seine Unterschrift unter 135 Vollstreckungsbefehle