Jörg Haider als Urlauberschreck. Profis und Beobachter der Branche fürchteten sich den halben Winter lang vor Touristenschwund, besonders bei Gästen aus aus Belgien und Frankreich, und vor sinkenden Umsätzen. Doch schon Anfang April setzte in der Alpenrepublik das Aufatmen ein: Haider und seine Regierung haben der Fremdenverkehrswirtschaft nicht nachhaltig ins Handwerk pfuschen können. Das Kontingent der Belgier schlug in der März-Statistik sogar mit dem saftigsten Plus zu Buche, nämlich mit fast 230 Prozent. Die Österreich Werbung und die regionalen Tourismusorganisationen zogen ihre durchweg positive Bilanz aus der Wintersaison.

Verwerfungen in der Politik sehen die Fremdenverkehrsfachleute ohnehin nicht als zentrales Problem. Generell und langfristig, meint die Vorarlberger Pressesprecherin Doris Rinke, spielen im Auf und Ab der Gästestatistiken zwei Dinge eine Rolle: die Konjunktur in den Herkunftsländern und die Konkurrenz durch die Sonnenziele. Ähnliche Erkenntnisse signalisiert die Marktforscherin Bettina Kuprian von der Österreich Werbung in Wien. Für sie ist beispielsweise der französische Markt nicht erst seit den Haider-Schmähreden ein Problemfall, sondern bereits seit 1997. Damals registrierte die Statistik acht Prozent weniger Franzosen, 1999 sogar neun Prozent. In diesem Licht ist das neue Vier-Prozent-Winterminus keineswegs als Fall von allergischer Haideritis zu sehen. Die Diagnose der österreichischen Marktforschung heißt vielmehr: Die Franzosen, traditionell ohnehin Inlandsurlauber, haben aufgrund der instabilen Wirtschaftslage in den vergangenen Jahren ihre Auslandsreisen um mehr als 30 Prozent reduziert.

Die Tourismuswerber hüten sich nicht zufällig vor Panikprognosen. Aus Erfahrung wissen sie, dass die Statistiken kurzfristig oft extreme Zerrbilder abgeben. So schnellte beispielsweise die Zahl der Wien-Besucher aus Frankreich durch die Buchungen eines großen - und billigen - Reiseveranstalters im März dieses Jahres um 48 Prozent in die Höhe.

Eine Vorschau auf die Sommersaison halten die Branchenfachleute denn auch allesamt für vermessen. Österreich ist nun mal ein Land für - unberechenbare - Individualreisende. Die Quote der Pauschalurlauber liegt immer noch deutlich unter 25 Prozent.

Auch die österreichische Hoteliervereinigung sieht keine alarmierenden Zeichen für einen sommerlichen Österreichboykott. Präsident Helmuth Peter, Chef des Weißen Rössl am Wolfgangsee, sieht eher die gestiegenen Kosten in der Alpenrepublik als negativen Faktor für den Trend. Positiv, meint Peter, könnten sich die gute wirtschaftliche Lage der wichtigsten Herkunftsländer und die starken Währungen Pfund, Dollar und Yen auswirken. In der Einschätzung der nächsten drei Monate bleibt Peter indes vorsichtig. Die späten Pfingstferien bringen uns im Juni ein leichtes Plus, und auch für Juli und August können wir von Zuwächsen ausgehen. Weiter wagt der Chef der Hoteliers nicht zu spekulieren. Der touristische Markt ist der sensibelste Wirtschaftszweig überhaupt. Denn Entscheidungen für oder gegen einen Urlaub werden weitgehend aus irrationalen und somit unvorhersehbaren Gründen getroffen.

Klar ist freilich die Ausgangslage: Seit Jahren sind Sommerferien in der Alpenrepublik schwerer zu vermarkten als der Winter. Und die ÖVP-FPÖ-Regierung ist ständig in Sachen Schadensbegrenzung unterwegs. Im Ausland natürlich.