Es gibt Lieder, auf die warten wir das halbe Leben. Nein: Eher sind es Liederzyklen, auf die wir warten, begierig und stoisch. Denn Kunstlieder in Zyklen zu singen, ihrem Werk- und Prozesscharakter, ja ihrem Raumgreifen im Leben zu huldigen - das kam in der Musikgeschichte nie recht in Mode.

Monumente wie Franz Schuberts Winterreise beargwöhnten die Zeitgenossen als "monoton", und (nicht nur) das amerikanische Publikum bevorzugt bis heute Programme mit Hang zum Flickenteppich: eingangs eine Händel-Arie, in der Mitte deutsche Romantik und gen Ende ein bisschen West Side Story.

Johannes Brahms' op. 32 hingegen gehört zweifellos in unser utopisches Repertoire. Neun Lieder und Gesänge, die um Verlassensein kreisen, um Liebesverlust und Liebesverrat - und, wie so oft bei Brahms, nicht zuletzt darum, wie die Kunst dem Menschen ein Tröster sei. Dietrich Fischer-Dieskau sang den Zyklus als Zyklus zuletzt vor bald 20 Jahren und senkte ein tiefes Lot in unser Herz. Jetzt tut Thomas Quasthoff es ihm nach (DG 463183-2), fügt überdies die Opera 72 und 94 hinzu - und stürzt uns in Gewissensnöte. Nicht nur, dass die Kombination mit Franz Liszt (Petrarca-Sonette und Einzelnes) reichlich bemüht wirkt - nirgends dürfte sich der Streit um die so genannten "Neudeutschen" weniger signifikant ausgeprägt haben als im Liedschaffen. Die Frage aber reicht viel weiter. Stimmen uns, die wir in Sachen op. 32 auf Entzug gesetzt waren, schon das bloße Rauschen des Stroms im vierten Lied, das aperiodische Zittern der Weidenblätter im achten, der Todesklang im neunten so euphorisch und so milde, dass alles Interpretieren an Bedeutung verliert, im weitesten Sinne? Und wäre just dies nicht das schönste Kompliment an die Interpreten, an den Komponisten?

Thomas Quasthoffs Gestaltungswille ist unbändig. Kein Vokal, der bei ihm nicht bis zum Bersten mit sattem, herbem Baritonklang gefüllt wäre (den Konsonanten schenkt er leider nicht halb so viel Beachtung), kaum ein Takt, der nicht vehement auf die Eins setzte - als gelte es, dieser Musik ihren trotzigen, schmerzlich widerständigen Puls zu fühlen. Und mag Justus Zeyen, der Klavierbegleiter, im Gestus auch nicht immer recht klar und deutlich sein - der Ton, die Brahmssche Zwiegesichtigkeit zwischen manischer Emphase und melancholischer Strophenseligkeit, ist gut getroffen. Schade, dass die langsamen Lieder (Nicht mehr zu dir gehen

Kein Haus, keine Heimat) mitunter etwas aufgesagt wirken und dass die Tempi sich nicht wirklich dramaturgisch aufeinander beziehen. Ein Stück Rehabilitierung aber ist geglückt.