Eigentlich lag ihm das Kino nicht. Er hat es zwar nach Kräften verteidigt, schließlich verdankte er ihm seinen internationalen Ruhm. Aber im Grunde fühlte er sich dem Theater sehr viel stärker verbunden. Vor der Kamera müsse man auf mimische Bravour verzichten und sich zum Objekt machen, hat Vittorio Gassman einmal gesagt. Darin steckt ein Stück Geringschätzung - und zugleich der Schlüssel zum Filmerfolg. Gassman hat seine Filmrollen weit weniger nach persönlichen Vorlieben gewählt als seine Bühnenrollen. Auf dem Theater wollte er sich das Schwierigste unterwerfen, im Kino gab er sich mühelos dem Leichten hin. So konnte er darstellen, was immer die Kamera in ihm sehen wollte: zunächst vor allem den Latin Lover von strahlender Schönheit und stattlichem Wuchs, gewissermaßen seine naturgegebene Rolle. Später, als er zum Idol des italienischen Nachkriegskinos geworden war, spielte er auch gebrochenere Charaktere. Gassman war eitel, aber im Film blieb er bescheiden, sparte sich das Pathos fürs Theater auf und überzeugte im Kino oft durch kleine, konturierte Gesten, etwa in Dino Risis Duft der Frauen oder in Ettore Scolas Die Familie. Seine Ausstrahlung wurde immer aristokratischer und immer melancholischer. Gassman litt unter schweren Depressionen. Die Theaterarbeit hat er auch als Therapie gegen die innere Verdüsterung begriffen dem Kino hat er eine vergleichbare Heilkraft wohl kaum zugetraut. Am 29. Juni ist Vittorio Gassman 77-jährig in Rom an einem Herzinfarkt gestorben.