Der Artikel ist so spannend wie die Reportage über ein Haberfeldtreiben.

Als Zeitzeuge will ich nicht verhehlen, dass diese ländliche Idylle im Institut für Zeitgeschichte (IfZ) schon unter dem Direktorat von Martin Broszat zu spüren war und die allgemeine Föhnfühligkeit dort in seinen letzten Arbeits- und Lebensjahren stark zunahm. Mit der Person und dem Tun oder Lassen des Direktors in seiner Freizeit hängt also auch die gegenwärtige Entwicklung nicht ursächlich zusammen, dies alles hat lediglich Einfluss auf die Art, wie und wo er ins Gerede gebracht, "vorgeführt", "enttarnt" wird.

Wenn man einige Male unmittelbar Zeuge war, wie Martin Broszat unter internen wie öffentlichen Anfeindungen gelitten hatte (gerade wegen Leistungen, die heute mit dem Prädikat "besonders wertvoll" versehen werden) und noch 1989 in den Genuss seiner uneitel sachlichen Arbeits- und distanzierten Umgangsformen kam, stoßen einem auch gleich wieder die Feuilletonkampagnen der frühen neunziger Jahre auf. Kurz nach der "Wende" lachte man noch über die Drohung, "bei der Redaktion der ... anzurufen, falls ..." Doch schon bald sollte diese neue Umgangsform der "Scientific Community" institutionalisiert werden. Heute wird Nolte als "Aufhänger" benutzt, "Kropfzeug" sagt man im Regionaldialekt.

Wenn ich mich an den in Bayern ausgestorbenen dörflichen Brauch aber richtig erinnere, wird beim Haberfeldtreiben nicht singulär vorgegangen, sondern gleich Haus und Hof samt Familie und Gesinde abgeflammt.

Über Geschmack zu streiten macht zwar keinen Sinn, aber viele werden sich über den von Ihnen betriebenen Personenkult vor Lachen schütteln: In der Tat eine Folge der im IfZ noch heute tradierten Marotte des beamtenrechtlichen Führerprinzips. Zumindest einigen Mitarbeitern des Hauses war auch klar, dass Möller die Laudatio nicht mehr absagen konnte, nachdem ihn sein Kollege Winkler öffentlich zum Rücktritt aufgefordert hatte: aber nicht straffrei vom Vorsatz, sondern gleich antizipatorisch strafverschärfend vom Direktorat.

Wo haben Sie aber außerhalb der Selbstauskunft des bundesdeutschen Feuilletons die von Ihnen beschworene Innovationspotenz der deutschen Geschichtsschreibung entdeckt? Schauen Sie einmal in die Produkte der posttotalitären Geschichtsschreibungen in Osteuropa hinein? Das Ergebnis ist bis auf einige zaghafte Zitierversuche in Russland gleich null. Der "deutsche Historikerstreit" wird in einigen Fußnoten pflichtgemäß erwähnt, weil man meistens nicht einmal versteht, worum es bei dieser "typisch deutschen" Selbstbeschäftigung überhaupt ging (und sie unter vier Augen als Suche nach dem Ding "an sich" verulkt). Der Kausalnexus zwischen "Faschismus und Kommunismus" war dort aber lange vor Nolte als konstitutiv betrachtet worden, und die chronologischen Details der deutschen Volkspädagogik sind inzwischen auch hierzulande der Verdrängung anheimgefallen. Bei den Angriffen gegen das IfZ geht es nicht um Möller oder um Nolte. Es sind Symptome eines allgemeinen Funktionsverlustes der Geschichtswissenschaft, der in Deutschland nur deshalb scheinbar "singuläre" Form annimmt, weil hierzulande Geschichtsschreibung auf Feuilletonniveau als volkspädagogische Mission behandelt wird. Anderswo werden der Funktionsverlust des historischen Denkgeschäfts nur nüchtern konstatiert und seine unmittelbare parteipolitisch-publizistische Indienststellung hilflos bedauert.

Als hauptberuflicher Mitarbeiter des IfZ versichere ich vorsorglich an Eides statt, dass ich diesen Leserbrief in meiner Freizeit selbstständig und ohne fremde Hilfe verfasst habe.