Der Vulkan schläft", beruhigt Francine Coloma den Besucher. Die junge Geologin muss es wissen: Sie wurde in Hilo am Fuß des Mauna Kea geboren und ist im Schatten dieses gewaltigsten aller Vulkane Hawaiis aufgewachsen. "Er ist nicht erloschen", erklärt sie, "aber die Gefahr eines Ausbruchs ist gering." Anders als sein Nachbarschlot Kilauea, dessen Lavaströme hin und wieder für spektakuläre Fernsehbilder sorgen, hat Mauna Kea seit über 4000 Jahren nicht mehr gespuckt. Seine Gipfelregion ist eine stille, gelegentlich schneebedeckte Wüste. 4200 Meter über dem Zentralpazifik herrschen einzigartige Bedingungen für astronomische Beobachtungen. Ein halbes Dutzend der leistungsfähigsten Teleskope der Welt spähen von hier aus in die Tiefen des Alls.

Nicht weniger einmalig ist der Vorstoß der Geologen am Mauna Kea in die Tiefen der Erde. Allerdings, gegen die schimmernden Kuppeln der Astronomen nimmt sich der Arbeitsplatz von Francine Coloma und ihren Kollegen von der University of Hawaii bescheiden aus. Umgeben von Baracken, ragt ein schlankes Gerüst, unschwer als Bohrturm erkennbar, aus einer lehmigen Lichtung im tropischen Dickicht unweit von Hilo. Drei Kilometer darunter endet das Loch, das man bis vergangenen Herbst in die Flanke des Berges getrieben hat. Das Projekt, dessen erste Phase nun abgeschlossen ist, firmiert unter dem Dach des International Continental Scientific Drilling Program (ICDP), das am GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam koordiniert wird. Durch die Zusammenarbeit mit dem GFZ macht man sich auf Hawaii Erfahrungen zunutze, die 1987 bis 1994 in der Oberpfalz gesammelt wurden. Damals bohrte man bei Windischeschenbach das tiefste Loch Europas - über neun Kilometer erdeinwärts. Als "Tiefenlaboratorium" ist es heute eine Außenstelle des GFZ.

Anders als in der Oberpfalz kommt es den Geologen am Mauna Kea darauf an, möglichst über die gesamte Tiefe Gesteinsprofile zu erhalten, Bohrkerne, die mit diamantengespickten Hohlmeißeln aus dem Lavagestein gefräst werden.

Das "Kernen" ist für Francine Coloma und ihre Kollegen eine manchmal nervtötende Prozedur. "Über ein Dutzend Mal mussten wir die Bohrstange wieder aus dem Loch ziehen, um abgenutzte Meißel zu ersetzen", erläutert Colomas Chef Don Thomas. Das größte Problem ist, dass die zu Basalt erstarrte Lava in der Tiefe oft keine einheitliche Gesteinsschicht mehr bildet, sondern zu scharfkantigen Trümmern zerbrochen ist. Das reduziert die Lebensdauer der bis zu 4000 Mark teuren Meißel drastisch. "Mit dem ersten Meißel bekamen wir 600 Meter Bohrkern", erinnert sich Don Thomas, "in den zerbrochenen Formationen dagegen oft nur sieben oder acht Meter, dann war der Meißel völlig hinüber."

Trotzdem ist Thomas vorsichtig optimistisch, bei der zweiten Bohrphase im Jahr 2001 bis in sechs Kilometer vorzudringen. In dieser Tiefe vermutet man das älteste Lavagestein des Mauna Kea, die Wurzel des Vulkans.

Die Geologen sind an Hawaiis Vulkanen besonders interessiert, weil sie einen direkten Zugang zum Gestein des Erdmantels ermöglichen, jenem Material, aus dem unser Planet hauptsächlich besteht. Im Falle des Mauna Kea quoll Mantelgestein eine Million Jahre lang durch ein Loch in der Erdkruste am Grund des Pazifiks. Schicht um Schicht lagerte es sich ab und türmte so den Berg auf. Aus den Bohrkernen kann man daher seine Entstehungsgeschichte ablesen: Sie spiegelt sich in der Abfolge mehrerer tausend Lavaschichten wider wie in den Jahresringen eines Baumes. Doch geht es hier um mehr als um die geologische Lokalhistorie einer Vulkaninsel: Das Baumaterial des Mauna Kea kommt zum Teil aus solcher Tiefe, dass darin Materialumwälzungen globalen Ausmaßes ihre Spuren hinterlassen haben.

Angetrieben werden diese Umwälzungen durch die Hitze des Erdinneren. Im Erdkern, einer teilweise glutflüssigen Metallkugel von etwa der doppelten Größe des Mondes, herrschen Temperaturen wie auf der Sonnenoberfläche.