Was für Otto von Bismarck die Friedrichsruher Ausgabe, was für Konrad Adenauer die Rhöndorfer Ausgabe - das wird nun für Willy Brandt die Berliner Ausgabe. Die ersten beiden der auf zehn Bände veranschlagten Edition, die das politische Wirken des bedeutenden sozialdemokratischen Staatsmannes in Reden, Schriften, Artikeln sowie vielen bislang unveröffentlichten Briefen und Tagebuchnotizen umfassend dokumentiert, werden im September im traditionsreichen J.H.W. Dietz Verlag (Nachf.) erscheinen. Es ist das bislang ehrgeizigste wissenschaftliche Forschungsprojekt der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, die seit ihrer Einrichtung im Oktober 1994 am historischen Ort, im Schöneberger Rathaus zu Berlin, ihren Sitz hat.

Unter der Leitung von Helga Grebing, Gregor Schöllgen und Heinrich August Winkler hat ein junges Team von zehn Historikern damit begonnen, den umfangreichen Nachlass Brandts im Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung zu erschließen. Brigitte Seebacher-Brandt, die eigenwillige Witwe, respektiert, wie man hört, die volle wissenschaftliche Autonomie der Herausgeber.

Als grundlos haben sich Befürchtungen erwiesen, die Turbulenzen um den J.H.W.

Dietz Verlag (ZEIT Nr. 16/00) könnten das Projekt gefährden. Der Verlag bleibt im Eigentum der Friedrich-Ebert-Stiftung, Vertrieb und Werbung soll der Pendo Verlag übernehmen. Heiner Lindner, der langjährige Geschäftsführer bei Dietz, scheidet aus - in einem ungewöhnlich freimütigen Editorial des neuen Herbstprogramms legt er noch einmal seine Gründe dar -, doch wird er als Mitarbeiter der Stiftung weiterhin das Lektorat der Berliner Ausgabe betreuen - eine Gewähr dafür, dass die nächsten Bände in rascher Folge erscheinen können.