Krisensitzung beim Abendessen: Wann immer bei Judi und Ken Gasser, Londoner Eltern dreier Kinder, das Thema Schule aufkommt, herrscht Ratlosigkeit. Die älteste Tochter, die vierjährige Aisling, soll im September eingeschult werden. Aber welche Schule ist die richtige? Die Grundschule um die Ecke des Südlondoner Reihenhauses hat keinen guten Ruf. Vater Ken hat damit kein Problem. Doch Judi findet, ihre Tochter sei viel zu aufgeweckt, um dort zu versauern. Und darum hält sie Ausschau nach anderen Möglichkeiten.

Davon gibt es in London genug - von teuren Privatschulen über staatliche Gesamtschulen bis zu konfessionellen Zwergschulen. Aber Schule ist nicht gleich Schule. Nicht nur die Unterschiede von Schülerzahl und Schulgeld sind gewaltig, sondern auch die Qualität des Unterrichts. Und anders als in deutschen Schulen wird diese Qualität in Großbritannien durchaus gemessen.

Vor allem eine Entscheidungshilfe gibt es für Eltern wie Judi und Ken, die sich durch den Schuldschungel schlagen müssen: die performance tables, Listen, die jeden November von der Regierung veröffentlicht werden und in denen alle Schulen Englands nach ihren Leistungen geordnet sind. Die Tabellenplätze ergeben sich bei den weiterführenden Schulen aus ihrem Abschneiden bei den A-Levels (dem englischen Abitur) und den GCSE-Prüfungen (vergleichbar der mittleren Reife)

bei den Grundschulen kommen landesweit genormte Tests in verschiedenen Altersstufen zum Einsatz. So werden alle Elfjährigen - im letzten Jahr 600 000 Schüler an 14 000 Schulen - im Abschlussjahr ihrer Grundschulzeit insgesamt fünfeinhalb Stunden lang schriftlich in Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften geprüft. Die Klassenarbeiten werden unabhängigen markers, meist Lehrern im Ruhestand, zur Korrektur vorgelegt und dann national verglichen. Vier Monate später wissen alle, wo sie stehen: die Schüler mit ihren für die Zeugnisse wichtigen Einzelnoten, die Lehrer mit der Effizienz ihres Unterrichts und die Eltern mit ihrer Schulwahl.

Die Bildungstabelle ist genauso wichtig wie die Fußballliga

Hier also wird längst praktiziert, wovor man sich in Deutschland so fürchtet: der Wettkampf zwischen den Schulen. Die englische Presse berichtet über ihre Bildungsbundesliga-Tabelle alljährlich und ebenso genau wie über den Ausgang der Fußballliga. Die performance tables liegen den Tageszeitungen als dicke Sonderteile bei, und die Nine o'Clock News berichten ausführlich etwa über einen unerwarteten Tabellenführer, oder sie schildern die Misere einer besonders schwachen Schule. Die performance tables wurden bereits 1992 von Margaret Thatcher für alle weiterführenden Schulen als so genannte league tables eingeführt. Die Tabellen für Grundschulen folgten 1996. Und New Labour setzt womöglich noch ehrgeiziger als die Vorgänger auf "marktwirtschaftliche Konkurrenz" im Bildungsbereich und auf dankbare Eltern, die sich davon Entscheidungshilfe bei der Schulwahl versprechen.

Rob Hullett, Lehrer an der Ilford County High School, einer angesehenen staatlichen Schule für Jungen, beschreibt die Vorzüge dieses Verfahrens.