Vor rund zehn Jahren sprach Robert Bly: "Es werde der Wilde Mann." Und prompt holten diesseits und jenseits des Atlantiks verunsicherte Börsenmakler und Brötchenbäcker die Trommeln raus, saßen am Lagerfeuer und suchten ihre Identität. Als Ersatz für die fehlenden Väter, als Ausgleich für die Leere nach dem weiblichen Aufbruch aus der patriarchalischen Gesellschaft, bot der amerikanische Barde den Eisenhans aus Grimms Märchen als magischen Führer durch eine real frustrierende Wirklichkeit an. Jetzt gibt der Mentor der maskulinen Erneuerungsbewegung, der einst älteren Muttersöhnchen helfen wollte, den "Krieger" in sich zu entdecken, Aggressionen auszuspucken, Wunden zu zeigen, Tränen zu weinen und Blut zu tauschen, das Signal zur nächsten Wende: Volle Fahrt voraus und nix wie zurück zu den Müttern!

Zusammen mit der kanadischen Analytikerin Marion Woodman hat er ein altes russisches Märchen ausgegraben. Und weil die Geschichte von Iwan, dem Kaufmannssohn, so gut in das gemeinsame Seelen-Such- und Rettungsprogramm passt, haben die beiden den Verstand rein-, das "mythologische Fernrohr" rausgeschraubt, die "Doppelvision eröffnet" und Iwan Jedermann gleich zweimal interpretiert und analysiert.

Das Produkt ihrer gemeinsamen Anstrengung auf 350 Seiten Text soll uns allen die Augen öffnen: uns "Schwanenmädchen im Banne des Ewigen", die wir uns nach "Erlösung durch das Fleischliche" sehnen genauso wie jenen, die Iwan, Johann oder Karl-Friedrich heißen und (selbst wenn sie es noch nicht wissen) aus süchtigen Sümpfen in höhere Sphären steigen wollen. Irgendwo dazwischen öffne sich (sagen Bly und Woodman) der rechte spirituelle Weg, und wer immer strebend sich bemühe, dürfe zuletzt die "mystische Hochzeit" feiern.

Eine spielerische Expedition, einmal aus seiner, einmal aus ihrer Perspektive, versprechen diese Reiseführer. Und wenn unterwegs der Zauber schwindet, weil Iwan auf der Couch so aufgepustet wirkt, wenn aus dem frischen Märchenheld das schwer beladene "Symbol für den größten Teil der Menschheit am Ende des 20. Jahrhunderts" werden muss, dann hat das einen tieferen Sinn. Was einst Freud mit seinem Ödipus gelang, wollen Bly und Woodman mit ihrem Iwan erreichen. Nach der psychologischen soll jetzt endlich, im Sinne C. G. Jungs, die mythologische Wende im Weltverständnis stattfinden. Iwan voran - als Kronzeuge für die "Parabel unseres Sündenfalls als Menschen".

Iwans Märchen ist nicht einfach, aber einleuchtend: Er war einmal ein schöner Jüngling, dessen Mutter gestorben und dessen Vater, der Kaufmann, fern auf Reisen, ihn in der Obhut von Stiefmutter und Hauslehrer gelassen hatte. Eines Tages, als er mit seinem Lehrer auf einem Floß im Meer sitzt, nähern sich auf 30 Schiffen 30 schöne Jungfrauen

die 31. ist die Zar-Jungfrau, die ihn liebt und heiraten will. Iwan will auch. Die Stiefmutter aber nicht. Sie gibt dem Hauslehrer für das geplante Treffen am nächsten Tag eine Nadel mit, die dieser in Iwans Kragen steckt, wodurch der Junge auf seinem Floß in Tiefschlaf fällt und auch beim dritten Treffen und auch durch lautes Rufen der Jungfrau mit den Schwanenfedern nicht geweckt werden kann.

Als er den Betrug bemerkt, schlägt er dem falschen Lehrer den Kopf ab und zieht los, die verlorene Liebe zu finden. Hinab in die Unterwelt, hinunter zu drei schaurigen Baba-Jagas. Werden sie ihn fressen? Ihm helfen? Iwan reitet auf dem Feuervogel und hört von einer, die Zar-Jungfrau liebe ihn nicht mehr, sie werde ihn zerreißen. Ihre Liebe sei versteckt. Aber wo?