Die zwölf Australier aus Queensland hält es im Instrumentensaal des Eisenacher Bachhauses vor Begeisterung kaum auf ihren Sitzen. Jede Bemerkung des Diplom-Musikerziehers, der ihnen die verschiedenen Tasteninstrumente vorführt, quittieren sie mit Beifall, jeden Scherz mit freundlichem Gelächter. Immerhin übersetzt der 38-jährige Uwe Fischer den Gästen zuliebe die Namen der Instrumentenbauer gleich mit: Das Spinett aus dem Jahre 1765 etwa stamme von einem Herrn "Silbermän". Jetzt sucht Fischer einen Freiwilligen, der ihm hilft, den Blasebalg des Instruments zu bedienen. Sofort springt ein Zweimetermann auf. Nur als Fischer später immer energischer sein please don't touch quer durch den Saal rufen muss, weil die Organisten unter den Gästen auch gerne einmal die historischen Instrumente ausprobieren möchten, wirkt der vorher so lebhafte Unterhalter auf einmal sehr müde.

Thüringen feiert Bach: mit Konzerten und Sonderausstellungen beinahe in jedem Ort, in den Bach seinen Fuß gesetzt hat. Als Krönung findet in Erfurt die Erste Thüringer Landesausstellung statt, die sich unter dem Titel Weil er nicht aufzuhalten ... dem jungen Bach widmet. Anlass ist der 250. Todestag des Komponisten am 28. Juli.

Die prächtige Sammlung barocker Streich-, Blas- und Zupfinstrumente, die große Attraktion des Hauses, wurde über 20 Jahre lang Wolfgang Wenke betreut. Er reinigte, stimmte und spielte die Instrumente in regelmäßigen Abständen. Seit er ausgeschieden ist, arbeitet er ein paar Straßen entfernt als freier Restaurator. Von seiner Abfindung hat er sich eine Werkstatt im Erdgeschoss seines Hauses eingerichtet - mit einem Extragitter hinter der Tür. Jetzt liegen hier auf den Werkbänken so ausgefallene Instrumente wie eine Pochette und ein Trumscheit: ein langes Streichinstrument mit dreieckigem Korpus und einer einzigen Saite.

Über Bachs Kindheit in Eisenach ist fast nichts bekannt. So kann man wunderbar darüber spekulieren, welchen musikalischen Einflüssen der Knabe ausgesetzt gewesen ist. Wenke hat darüber seine eigene Theorie: Wichtig ist natürlich die große Musikerfamilie Bach, die sich wie ein Clan über ganz Thüringen ausbreitete. Aber, fügt Wenke begeistert hinzu: "Im Wohnviertel um das Bachhaus gab es einen Drechsler - alle berühmten Holzblasinstrumentebauer waren damals Drechsler! Und im selben Wohnviertel lebte der Geigenmacher Hasert, der wahrscheinlich auch Clavichorde baute!" Ein reizvoller Gedanke: Der kaum zehnjährige Johann Sebastian, der den Handwerkern über die Schulter sieht und sich dabei Kenntnisse aneignet, die später zu seinem Ruf als Experte für Orgelbau beitragen.

Ein degenfechtender Zippelfagottist

Das Stadtbild von Eisenach ist heute weder von Handwerkern geprägt noch von wissbegierigen Jugendlichen - die fahren lieber Skateboard in der verfallenen Wandelhalle am Innenstadtrand. Ein paar Schritte weiter, im ehemaligen Stasi-Gebäude, ist die Musikschule untergebracht. Dort führt auch die Straße zur Wartburg vorbei, neben dem Bachhaus die zweite große Attraktion der Stadt. Beides lässt sich in wenigen Stunden besichtigen. Und weil viele Besucher anschließend weiterreisen, spüren die Eisenacher Hoteliers bisher wenig vom Bach-Boom.

Doch die eiligen Gäste versäumen viel: zum Beispiel die Innenstadt, die großzügigen Gründerzeitviertel an den umliegenden Hängen, den aufgegebenen Friedhof, der jetzt als sanft abfallender Park vor der alten Stadtmauer liegt, und den Hohlweg durch das Johannistal mit seinen sattgrünen Ahornbäumen. Selbst die obligaten Plattenbauten unweit der ehemaligen Wartburg-Fabrik fügen sich vergleichsweise diskret ins Stadtbild ein. Mit 18 Jahren fand Bach in Arnstadt eine Anstellung als Organist an der Neuen Kirche. Hier blieb er vier Jahre und erwarb sich den Ruf als "junger Wilder" - ein Image, das man in Thüringen sorgsam pflegt, weil es sich so schön von dem üblichen des ehrfurchtgebietenden "Fünften Evangelisten" abhebt: Hat er sich nicht nachts auf offener Straße ein Wort- und Degengefecht mit sechs Schülern geliefert, nachdem er einen von ihnen als "Zippelfagottist" beschimpft hatte? War es nicht aktenkundig, dass Bach "mit denen Schüler ... sich nicht vertrüge"? Dass er gar in sein Orgelspiel "viele frembde Thone mit eingemischet" und damit die Gemeinde verwirrt hatte?