Als Elisabeth Mayo ihr Abitur bestanden hatte, wusste sie zwei Dinge: Sie wollte Wirtschaft studieren, und sie wollte es an einer Hochschule tun, an der Kommilitonen und Dozenten ihr Ziel teilten, "Gott zu dienen in allem, was wir tun". Die Schülerin aus dem US-Staat Maine bewarb sich an der fast einen halben Kontinent entfernten Cornerstone University, einer kleinen Hochschule im Hinterland von Michigan. Deren erklärte Mission ist es, "den unwandelbaren Prinzipien der Bibel in einer sich rasant wandelnden Welt Geltung zu verschaffen".

Damit schloss sich Elisabeth Mayo einer wachsenden Zahl von Abiturienten an, die es an so genannte christliche Hochschulen zieht, an denen Biertrinken als "unmoralisch" gilt, Röcke nicht zu kurz und Pullis nicht zu eng sein dürfen und wo Gott - nicht MTV - der wichtigste Trendsetter ist. Zwischen 1990 und dem Wintersemester 1999/2000 ist die Zahl der Studenten an den 97 Hochschulen des Council for Christian Colleges and Universities (CCCU) von 97 000 auf 177 000 angewachsen. Die jährlichen Zuwachsraten christlicher Universitäten lagen in dem Zeitraum oft ein Fünffaches über denen "weltlicher" Colleges. Damit gehören sie zu den heißesten Wachstumsmärkten in der amerikanischen Collegelandschaft.

Die Gebote der Bibel gelten als oberste Studienordnung

Der Begriff "religiöse Hochschule" wird auf ein weites Spektrum innerhalb der rund 1600 privaten Colleges und Universitäten in den USA angewendet. Es reicht von weltlichen Institutionen mit kirchlichen Namen und christlichen Gründervätern bis zu strenggläubigen Einrichtungen wie der mormonischen Brigham-Young-Universität in Utah, an der selbst Teetrinken als Sünde gilt. Typischerweise bezieht sich der Begriff jedoch auf die landesweit 97 Hochschulen des Council for Christian Colleges and Universities. Christlich bedeutet dort evangelisch, und die Bibel gilt ihnen als höchste Studienordnung.

Das hat vielfältige Auswirkungen. An der IWU, die im vergangenen Herbst erstmals eine Warteliste für Erstsemester einrichten musste, erklären sich die Studenten bei der Einschreibung schriftlich einverstanden, gemäß den Geboten der Testamente zu leben. Das heißt: kein Alkohol, Tabak oder Tanz. Verboten sind weiterhin: Lügen, Klatsch und vorehelicher Sex sowie Filme, in denen Gewalt, Gotteslästerung oder nackte Menschen vorkommen. Wer gegen die Verbote verstößt, riskiert Rügen, Strafen und im schlimmsten Fall den Ausschluss von der Hochschule. "Ich finde solche Regeln prima und fühle mich keineswegs eingeschränkt", sagt Elisabeth Mayo, die in Cornerstone nach ähnlichen Vorschriften lebt. Und "vorehelicher Sex schadet einer Beziehung vermutlich ohnehin nur", mutmaßt Kurt Luidhardt, Student an der IWU.

Stattdessen ermuntern die gottgläubigen Colleges zu tugendhaftem Freizeitspaß. Dazu gehören Sportturniere, Chorkonzerte oder Theaterbesuche. Cornerstone-Studenten etwa treffen sich gern in den Cafés auf dem Campus, um christlichen Bands zu lauschen. Viermal wöchentlich müssen sie zudem am Hochschulgottesdienst teilnehmen. Nebenher studieren viele freiwillig die Bibel und widmen ihre Semesterferien Nächstenliebe-Projekten.

Die biblischen Werte machen auch vor den Lehrsälen nicht Halt. Ein Thema wie beispielsweise die Evolutionstheorie wird nur als Gegenlehre zur Schöpfungsgeschichte präsentiert, betriebswirtschaftliche Anforderungen werden mit ethischen Grundsätzen verknüpft. Und nicht nur an der Cornerstone-Universität ist der Glaube eines Dozenten oberstes Einstellungskriterium. "Wir glauben, dass es bei der Ausbildung um weit mehr als einen Abschluss geht. Wir wollen unseren Studenten helfen, Gottes Aufgabe für sie zu finden", sagt IWU-Präsident James Barnes.