Tom Stromberg, 40, ist verantwortlich für das Kulturprogramm der Expo und wird am 1. August der neue Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg

Die erste Frau, die mich verlassen hat, war Frau Nieswand. Ich war schrecklich in sie verliebt, und als sie in Pension ging, habe ich geweint. Ich weiß nicht mehr, ob sie schön war, aber sie war eine tolle Volksschullehrerin. Im Wettrechnen war ich ihr Musterschüler: Wir sollten alle der Reihe nach aufstehen und Rechenaufgaben lösen. Wer das Zwischenergebnis nicht wusste, musste sich setzen. Ich war fast immer Finalist!

Kurz bevor ich ohnehin von dieser Schule geflogen wäre, besuchten meine Eltern mit mir ein Internat. Wir wurden von einer Frau in Schwesterntracht begrüßt und sollten in Puschen schlüpfen, bevor wir das Haus betraten. Ich stand strumpfsockig vor meinen Eltern und sagte: "Wenn ihr mich auf dieses Internat schickt, bringe ich mich um."

Ich kam dann auf eine andere Schule, aber meine Noten wurden nicht besser. Mein Vater war Regisseur und Intendant, meine Mutter Tänzerin, mein Großvater Architekt - alle wollten, dass ich Abitur mache. Ich auch, denn ich dachte, wenn ich Abi habe, habe ich alles abgeleistet, was man im Leben so leisten muss. Ich schlug meinen Eltern einen Deal vor: Sie zahlen mir eine Wohnung in Wilhelmshaven - und ich mache auf meiner alten Schule das Abitur.

Es klappte. Mit 17 zog ich von zu Hause aus. Ich war vogelfrei. Wenn ich blaumachte, fälschte ich einfach die Unterschrift meiner Eltern. Im Deutschleistungskurs fehlte ich aber selten, denn ich hatte einen hervorragenden Lehrer, Herrn Kannenberg. Oft denke ich, ich müsste mal bei ihm klingeln und mich für alles bedanken. Kannenberg fand es toll, dass ich so viele Theaterstücke kannte, ich war ja schon als 12-Jähriger 30-mal in Brechts Kaukasischem Kreidekreis gewesen und konnte ganze Passagen auswendig. Er nahm mich mit in die Theater-AG unserer Schule. Dort führte ich Regie, organisierte und managte. Viele Kreative finden Verwaltungskram langweilig, mich fasziniert er: Schon als Kind habe ich in den Besetzungslisten, Verträgen und Budgets meines Vaters gekramt.

In Wilhelmshaven fuhr dann eines Tages ein früherer Regieassistent meines Vaters auf seinem Klapprad auf mich zu. Er war gerade Regisseur am Stadttheater geworden war und nahm mich mit auf die Proben. Von da an war ich endgültig mit Theater infiziert. Ich war auf jeder Probe, suchte Musik für Liederabende aus und flirtete mich ein bisschen durchs Damenensemble. Dann beschloss ich, das Ganze seriös anzugehen, und ging nach Köln, um Theaterwissenschaften zu studieren. Es war die schlimmste Zeit meines Lebens: Ich, der ich immer kontaktfreudig war, vereinsamte an dieser Riesenuni. Die Dozenten waren todeslangweilig, etwas gelernt habe ich nur in meinem Nebenjob in der Hörspielabteilung des WDR: Ich habe dort den Bestand gesichtet, dabei viel über Dramaturgie und den Einsatz von Dialogen erfahren - und, wie schön es ist, guten Schauspielern zuzuhören.

Mit welch großer Liebe man diese wahnsinnigen, diese komplett autistischen, nach Lob hungernden Figuren, die sich Schauspieler nennen, behandeln sollte, lernte ich dann später bei der Regisseurin und Schauspielerin Elke Lang, auf die ich in meiner ersten Stelle als Dramaturgieassistent am TAT traf.