Anders als erwartet verlief Khatamis Besuch in Deutschland friedlich. Beide Seiten, Berlin und Teheran, können ihn als Erfolg verbuchen. Vor allem die Reformkräfte im Iran, deren Hoffnungsträger der Präsident ist. Dennoch haben mehr als 150 Bundestagsabgeordnete aller Parteien den Besuch kritisiert: Khatami sei nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

Wüssten diese Politiker nur, wovon sie reden! Natürlich ist der Iran weit davon entfernt, ein Rechtsstaat zu sein. Die Menschenrechte werden dort systematisch verletzt. Das werden sie übrigens auch in Russland, ohne dass dieselben Parlamentarier aus Anlass von Putins Besuch in Berlin vor einigen Wochen ein vergleichbares Engagement gezeigt hätten. Die islamische Revolution ist ein Reizwort, das noch immer Emotionen freisetzt. Nicht anders als im Iran selbst, wo die Bevölkerung in drei Wahlen nacheinander gezeigt hat, dass sie zu 70 Prozent hinter Khatamis Reformpolitik steht. Mit anderen Worten: Die Menschen sind es leid, sich von religiösen Hardlinern bevormunden zu lassen. Aber sie wissen, dass eine Veränderung der Verhältnisse nur aus dem Innern der Islamischen Republik selbst erfolgen kann. Weder die stalinistischen Volksmudschahidin und ihr politischer Arm, der Nationale Widerstandsrat, noch die diversen kommunistischen Splitterparteien, die in Berlin demonstrierten, bieten eine demokratische Alternative. Im Iran selber sind sie ohne Bedeutung.

Khatami setzt auf Zeit: Die Stimmung im Land ist gegen die Konservativen. Vor allem die Jugend, die Frauen und die Intellektuellen wollen den Wandel. Selbst führende Theologen verlangen die Trennung von Religion und Politik. Dabei geht es um die Staatsdoktrin der "Herrschaft des Rechtsgelehrten". Nach dieser von Khomeini begründeten Lehre ist der Revolutionsführer - zunächst Khomeini, seit seinem Tod 1989 Khamanai - allein Gott Rechenschaft schuldig für sein Tun, nicht aber dem Volk. Es ist eine Doktrin, die in der Robespierre-Phase der Revolution geboren wurde. Sie abzuschaffen ist ein langfristiges Ziel der Reformer, die in vorsichtigen Schritten das Land öffnen. Auf keinen Fall wollen sie den Radikalen einen Vorwand liefern, Gewalt anzuwenden oder einen Putsch von oben zu inszenieren.

Eine konstruktive Politik der EU gegenüber Teheran muss Khatami gegen die Konservativen stärken. Gefordert sind Investitionen und politische Kontakte. Deswegen war sein Besuch in Berlin sinnvoll, für beide Seiten. Weitere Besuche müssen folgen, hoffentlich auch bald zwischen Washington und Teheran.