Berlin

Eines vorweg: Die anderen sind keineswegs besser. Wenn der Fraktionsvorsitzendendurchschnitt im Deutschen Bundestag von Leuten wie Peter Struck (SPD), Wolfgang Gerhardt (FDP) oder Kerstin Müller und Rezzo Schlauch (Die Grünen) bestimmt wird, dann wirkt Friedrich Merz im Vergleich damit fast wie ein Perikles. Nur Gregor Gysi macht parlamentarisch mehr her. Aber diese Kollegen sind es nicht, an denen Merz gemessen wird. Als Oppositionschef steht er dem Kanzler gegenüber. Als Mitgeschäftsführer des Unternehmens "Neue CDU" muss er sich neben Angela Merkel behaupten wie beide zusammen gegen ihren Münchner Partner Stoiber. Die Erinnerung an den stilbildenden Amtsvorgänger Schäuble ist auch noch nicht verblasst; manchem in der Union mag sogar jetzt erst dämmern, was für eine Figur man da im Februar ziemlich leichtherzig vom Brett gestoßen hat. Friedrich Merz wäre selbst dann nicht zu beneiden, wenn es keine Blockadediskussion gäbe und keinen Fall Kohl.

Es mag daher begreiflich sein, wenn Merz dem Schwamm-drüber-Affekt noch zaghafter entgegentritt als Angela Merkel. Allerdings hat er vor seinem Amtsantritt viel kühner geredet als die damalige Generalsekretärin: "Ich glaube nicht, dass es besser würde, wenn Kohl sagt, was er weiß. Ich fürchte, es würde eher schlimmer." Und: "Diese Spender, von denen Kohl spricht, gibt es nicht ... Das ist dummes Zeug, eine drittklassige Advokatenstory." Nun stellt er sich schützend vor die viertklassigen Hilfstruppen, von denen sich der Exkanzler heraushauen lässt.

Es kann kaum Zweifel darüber bestehen, dass der empörte Abrechner aus der Zeit des Skandalhöhepunkts der wahre Merz ist und seine heutige Vorsicht Produkt von Anpassung und Rollenzwang. Friedrich Merz liebt Klarheit und Reinheit, ganz im Gegensatz zur menschlich-allzumenschlichen, aus Sentimentalität und Brutalität gemischten Machtgefühlspolitik nach Art von Kohl. Der Fraktionsvorsitzende belebt sich jungenhaft-akademisch, wenn er von einem Vortrag vor dem Hamburger Übersee-Club erzählt, den er von der ersten bis zur letzten Zeile selbst geschrieben hat, ohne Zuarbeit, am Laptop im heimischen Garten, die Bücher neben sich. Alles aus einem Guss, eine geschlossene ordnungspolitische Großvision für die Wiedereinsetzung des Bürgers in seine Rechte und Pflichten, bei Abgaben und Renten, im Gesundheitssystem und auf dem Arbeitsmarkt. Vom Ordoliberalismus und von der katholischen Soziallehre bis zur Ablehnung von Eichels mittelstandsfeindlichen Steuerplänen führt eine einzige gerade Linie. Der Vermittlungsausschuss als verlängertes Oberseminar.

"Parteitaktik" ist daher der Vorwurf, den Merz zuallerletzt hören mag. "Die Regierung", illustriert er seine pure Sachbezogenheit ohne selbstparodistische Absicht, "die Regierung sagt: Zwei plus zwei ist sechs. Wir wissen, dass zwei plus zwei vier ist. Dann erklärt die Regierung: Lasst uns einen Kompromiss schließen, zwei plus zwei ist fünf. Und darauf sollen wir uns einlassen?" Das ist die Merz-Welt, in der es Richtig und Falsch gibt, Weiß und Schwarz, während alle anderen ihre Politik aus Grautönen machen - der mauschelnde Kohl, der Moderator Schröder, Angela Merkel mit ihrer begnadeten Unbestimmtheit und auch Edmund Stoiber, der in bester CSU-Tradition zwar gern polarisiert, aber seine Grundsatztreue im Ernstfall wohl zu dosieren versteht. Keiner von ihnen wäre auf die Idee gekommen, als Retter des Vollanrechnungsverfahrens in die Geschichtsbücher einzugehen.

Selbstzufrieden genießt die Regierung seine Auftritte

Der Spott fällt leicht, und andererseits berührt es sympathisch, wie Friedrich Merz in einem wenig gesinnungsstarken Umfeld Überzeugungspolitik zu treiben versucht. Das selbstzufriedene Grinsen, Lachen und Sich-Fläzen, mit dem die Kabinettsbank in den vergangenen Wochen die Merz-Auftritte regelhaft an sich hat abtropfen lassen, war kein erfreulicher Anblick; und bei der dampfwalzenartigen Gesamtmobilisierung von Regierung, Spitzenmanagern, Industrieverbänden und Volksstimmung, die derzeit gegen die "Blockade" anrollt, ist ein bisschen Opposition gar nicht fehl am Platz. "Im Interesse des politischen Wettbwerbs - ich sage das mal ganz ökonomisch - müssen Unterschiede zwischen den Parteien deutlich werden": ein typisches Merz-Diktum, im Wirtschaftsvokabular wie im Konfliktverlangen.