F uzzy bedeutet unscharf, vage oder kraus und klingt dem Englisch sprechenden Menschen nicht richtig gut im Ohr. Anfang der neunziger Jahre war das Wort dennoch sehr in Mode, die Japaner kürten es 1991 gar zum "Wort des Jahres". Das Zauberwort hatte ihnen einen wirtschaftlichen Erfolg beschert: Mit der geheimnisvollen Fuzzy-Regelungstechnik bauten sie "intelligente" Getriebe, Videokameras und Waschmaschinen, und bald schrieben auch Siemens, Bosch und General Electric das Wort fuzzy auf ihre Werbeplakate.

Heute ist es still geworden um das krause Wort. Ist es von neuen Modewellen weggespült worden, vergessen wie das einst so begehrte Tamagotchi? "Es ist zu etwas Selbstverständlichem geworden", sagt Lotfi A. Zadeh, der Pionier der Fuzzy-Logik, dem die Universität Hamburg dieser Tage die Ehrendoktorwürde verlieh; "das heißt nicht, dass das Interesse daran nachgelassen hat." Ein böses Wort ist salonfähig geworden - wie hat es das gemacht?

Doch 1965 beschloss ein Elektrotechniker, die Unschärfe hoffähig zu machen. Lotfi Zadeh, damals Professor an der kalifornischen Eliteuniversität in Berkeley, überraschte sein Fach mit der Ansicht, alles sei a matter of degree, eine Sache des Grades. Die klassische Mengenlehre, meinte Zadeh, tue der Welt Unrecht, wenn sie sagt: Etwas ist rot oder nicht rot, heiß oder kalt, und dazwischen gibt es nichts. Wie beschreibt diese Mengenlehre nicht richtig rote Objekte und schon etwas lauwarmen Kaffee? Zadeh, der die strenge technische Universitätsausbildung am MIT und an der Columbia University durchlaufen hatte, erdachte eine Theorie der unscharfen Mengen, die Randexistenzen zulassen: so wie auch Menschen manchmal rosa Dinge zu den roten zählen.

"Fuzzy" nannte er diese Mengenlehre, und handelte sich mit diesem Wort eine Menge Ärger ein. Die Akademia jaulte auf: Was soll dieses krause Zeug? Wissenschaft hat exakt zu sein, sonst ist sie keine Wissenschaft! Eben, sagt Zadeh bis heute, ich beschreibe das Ungenaue, aber auf genaue Weise. Die Fuzzy-Mengenlehre weicht der Beobachtung nicht aus, dass Wahrheit nicht immer absolut ist: Hans ist groß, und Max ist groß, aber Hans ist ein bisschen größer als Max, sodass in Hansens Fall die Aussage, dass er groß ist, ein Körnchen mehr Wahrheit enthält als bei Max. Und genau das erfasst Zadehs Theorie auch mathematisch. Er selbst legte sich ein dickes Fell zu, denn 25 Jahre lang glaubte ihm niemand so recht, dass eine Theorie des Vagen eine präzise Theorie sein kann.

In den siebziger Jahren erdachte er dann die Fuzzy-Logik, die auch mit vagen Prämissen auskommt. Zadeh legitimierte dabei die Milchmädchen-Logik, die nach dem Motto funktioniert: Schlage ich das Lenkrad genug ein, dann schaffe ich es so gerade in die Parklücke. Die klassische Logik liebt Worte wie "genug" und "so gerade" nicht und hat sie deswegen gern ignoriert, aber Zadeh sagt: Wer die Ungenauigkeit der Sprache wegkürzt, der kann nichts Relevantes über die Sprache sagen, denn natürliche Sprache ist nun mal ungenau.

Logiker und Linguisten waren überhaupt nicht glücklich mit Zadehs Begriffen und traktierten sie in den Fachjournalen mit Gegenbeweisen. Aber die Fuzzy-Ideen hatten nicht nur ein theoretisches Gesicht, sondern auch ein praktisches: Bei Informatikern und Elektrotechnikern stießen sie auf Gegenliebe, und in den achtziger Jahren endete Zadehs undankbare Rolle als Prediger in der Wüste.

Allen voran baute die japanische Industrie Geräte mit Fuzzy Control. Diese Art der Prozesssteuerung arbeitet mit unscharfen Regeln, die auch ein Mensch benutzen könnte, zum Beispiel: "Wenn die Wäsche sehr schmutzig ist, dann gib etwas mehr Waschmittel dazu." Die Geräte analysieren dabei die Schmutzsituation wie der routinierte Hausmann: Sie zählen nicht jeden einzelnen Partikel und rechnen nicht mit komplizierten Gleichungen. Vielmehr prüfen sie nur, ob die Wäsche wenig, normal oder sehr verschmutzt ist. Dabei hilft eine ausgereifte Sensortechnik, deren Entwicklung parallel zum Boom der Fuzzy-Regelung verlief. Stopft jemand Wäsche in die Trommel, die etwas mehr als normal verschmutzt ist, dann versucht die Maschine die Situation nicht exakt zu analysieren, sondern gibt nach ihren Regeln eben "etwas mehr als normal" Waschpulver zu. Präzision, sagt Lotfi Zadeh, ist der Feind der Relevanz.