Von wegen Untergang des Abendlandes! 45 Jahre Rock 'n' Roll haben dessen Bastionen nicht nur nicht geschleift, sie waren selbst kulturstiftend. Komplizierte Ordnungen des Wissens sind um rotierendes Vinyl herum entstanden, mit Archivaren und Privatmythologen als Statthaltern. Wer's nicht glaubt, braucht bloß einen Blick in Robs Plattenladen zu werfen.

Tonträger aller Art stapeln sich dort bis unter die Decke, wuchern die Wände entlang, drängen zur Mitte. Kein Quadratzentimeter wurde verschenkt, was zum nahezu vollständigen Ausschluss des Tageslichts führt. Die Lokalität erinnert ein wenig an eine Höhle mit angehäuften Schätzen darin. Nur wer sucht, wird hier fündig. Nur wer fragt, dem wird gegeben - oder auch nicht. Unterm Tresen lagert die Bückware. Und die kriegt längst nicht jeder.

Männer und Schallplatten - Nick Hornbys vor fünf Jahren erschienener Erfolgsroman war die erste literarische Bearbeitung dieses eigenartigen kulturellen Fetischismus: Was am Rock einmal rebellisch gewesen sein mag, erscheint nur noch in der verschobenen Form des Verwaltens und Sammelns. Die egalitären Momente sind in neuem Herrschaftswissen aufgegangen. Und was für Einzelne tragisch endete, hat aufs Ganze gesehen Komödienform angenommen. Frears übernimmt aus Hornbys Vorlage kurzerhand die lustigsten Stellen. Wie Rob, Dick und Barry ihr Vinyl-Regime ausüben, wie sie zufällig hereingeschneite Frauen erzieherischen Maßnahmen in Sachen Sammlung unterwerfen, vor allem aber: wie sie gemeinsam Listen erstellen. Die Top Five der besten Stücke auf einer ersten LP-Seite, die Top Five der besten Stücke über den Tod, die fünf allerbesten Filme aller Zeiten - Hitparaden in Fünferreihen sind das Welterschließungsmodell der Championship-Männer. Sie regeln das Verhältnis zu den Eventualitäten da draußen.

Progressiv ist das nicht. Man kann einen moralischen Subtext aus Hornbys Versuch über die Ordnung herauslesen: Wenn Männer zu sehr sammeln, sind sie, obwohl Pop unablässig von Frauen handelt, für Frauen verloren. Ihre Obsession erscheint geradezu als pueriler Abwehrzauber: ein Schutzwall von Kennerschaft, aufgeboten gegen den Einbruch des Weiblichen. Frears variiert das Motiv in einer parallel laufenden Liebeshandlung. Der unglückliche Rob erinnert sich an all die Beziehungen, die in seinem Leben schon gescheitert sind, und sucht sie wie in einem Akt der Anamnese nochmals auf: Alison Ashworth, der erste Kuss. Penny Hardwick, das Highschool-Girl. Charlie Nicholson, die Rob schon immer zu schön vorkam für einen Loser wie ihn. Stets hat er den Verlust musikalisch kompensiert, obwohl ihm längst nicht mehr klar war, ob er Popmusik hört, weil er mies drauf ist, oder mies drauf ist, weil er Popmusik hört. Und während die Jugend szenisch Revue passiert, klimpern im Hintergrund noch einmal all die Stücke herauf, die der mündige Konsument von heute als Soundtrack-CD erwerben kann.

Die Sammlung als letzter Halt in stürmischer Zeit

Amüsant ist dies im Grad des Originals, beziehungsweise so amüsant, wie man einen Film finden kann, wenn man das Buch schon gelesen hat. Dass Frears und sein Stab die Handlung von Nordlondon nach Chicago verlegt haben, in die Heimat des Hauptdarstellers John Cusack, tut der Sache weniger gut: Rob stellt man sich als britischen Exzentriker vor und nicht als leicht bieder gewordenen US-Undergroundrocker - es hat etwas von Zwangshollywoodisierung. Im Übrigen leidet High Fidelity , woran die meisten Literaturverfilmungen leiden: Sie können die Leistung des fremden Mediums im eigenen nicht nachbilden. Weil innere Monologe und Reflexionen sich nicht so leicht in Handlung auflösen lassen und eine Stimme aus dem Off langweilig gewesen wäre, muss Cusack immerzu in die Kamera deklamieren.

Wiederum samplet Frears - oder Cusack, der am Drehbuch mitgearbeitet hat - die besten, schon klassisch gewordenen Hornby-Sätze: dass Frauen auch nicht besser sind als "wir" und sich die schönste Unterwäsche für die Verführung aufheben (während im Alltag dann graue Baumwollteile über der Leine trocknen); dass Rob mit dem Bauch denkt, aber sein Bauch leider "Scheiße im Kopf hat". Als seine Freundin, die enorm realitätstüchtige Laura, definitiv ausgezogen ist, fällt ihm als Erstes ein, seine Plattensammlung neu zu sortieren, "nicht chronologisch, nicht alphabetisch, sondern autobiografisch". Die Sammlung ist eben letzter Halt in stürmischer Zeit. Und doch macht der Meister der Platten eine Entwicklung durch: Er erkennt, dass Frauen und Scheiben sich nicht ausschließen und dass die wahre Schule des Herzens das Leben selbst ist.