War alles nur schöne Theorie? Ende 1999 krönte das amerikanische Magazin Time Jeff Bezos, den Amazon.com-Gründer und bekanntesten Protagonisten der New Economy, zum "Mann des Jahres". Er wurde zum Symbol eines neuen digitalen Zeitalters, in dem Internet und Informationstechnologie regieren, alte ökonomische Regeln außer Kraft gesetzt werden und die Dot.com-Revolution wie ein Wirbelsturm durch die Geschäftswelt fegt. Heute, gerade sieben Monate später, ist Amazons Aktie 70 Prozent weniger wert als auf ihrem Höchststand. Mittlerweile wird sogar das wirtschaftliche Überleben des Protagonisten infrage gestellt. Ende einer Ära - nur fünf Jahre nach ihrem Beginn?

Wenn schon nicht das Ende naht, so ist doch Zeit für eine Zwischenbilanz: Zeit, die Frage zu stellen, was wirklich neu ist an der "neuen" Ökonomie, welche Wirkung und Auswirkung das Internet auf Geschäfte und Geschäftsprozesse hat - und ob das Netz der Netze tatsächlich jenen Paradigmenwandel signalisiert, der auf den Märkten alles neu und alles anders macht. Revolutionieren die Mittel der modernen Kommunikation die Wirtschaftswelt? Oder ist das Internet nur die letzte Stufe immer schnellerer Informationsübertragung, die am Ende allenfalls evolutionären Wandel bringt?

Natürlich gibt es dafür gute ökonomische Gründe. Die New Economy ist nicht nur Hype und Hybris. Globalisierung, der Siegeszug der Marktwirtschaft, das Internet und die Durchdringung von Gesellschaft und Unternehmen mit Computern und Kommunikation - all dies hat weitreichende Konsequenzen. Barrieren fallen, Märkte werden größer, der Informationsfluss ist schneller, die Konkurrenz heftiger, das Wirtschaftsleben beschleunigt sich. Wissen und Kreativität erhalten einen immer höheren Stellenwert, Informationstechnologie wird zum Motor der Konjunktur. Im Mutterland der High-Tech-Industrie, den Vereinigten Staaten, sorgt sie heute für ein Drittel des Wirtschaftswachstums.

Investitionen in Computer und Kommunikation sind in den USA zu den Katalysatoren des Booms geworden. Ihre Anwendung - so die Hoffnung - steigert auch die Produktivität. Apologeten der New Economy glauben, dass ein höheres Produktivitätswachstum der amerikanischen Ökonomie auch ein dauerhaft höheres Wachstum ermöglicht - und zwar ohne die Gefahr, dass damit die Inflation anzieht. Nicht nur dies: Zyklische Konjunkturschwankungen, der Wechsel von Aufschwung und Rezession, sind nach Meinung mancher Enthusiasten eine Sache der Vergangenheit, der Boom wird zum Dauerzustand.

So die (neue) Theorie. Die Realität sieht anders aus. Komplexe ökonomische Prozesse seien mit "eindimensionalen" Modellen nicht erklärbar, warnt Paul Romer, einer der profiliertesten Ökonomen der USA (siehe Interview auf der nächsten Seite). Amerikas hohes Wachstum und seine niedrige Inflationsrate sind ebenso das Resultat glücklicher Umstände wie das Ergebnis der technologischen Umwälzungen des vergangenen Jahrzehnts: Globalisierung, Restrukturierung, die Massenentlassungen der neunziger Jahre und die Schwäche der US-Gewerkschaften drückten auf die Löhne; Deregulierung brachte schärfere Konkurrenz und sinkende Preise; die Asienkrise führte zu niedrigen Öl- und Importrechnungen; der amerikanische Haushalt schrieb tiefschwarze Zahlen. All dies erlaubte geringe Zinsen - und die heizten die Konjunktur weiter an.

Jetzt zeigen sich im altbekannten Spiel zwischen Angebot und Nachfrage auch in den USA die ersten Engpässe. Zwischen Oktober 1999 und März 2000 stiegen die Durchschnittslöhne in den Vereinigten Staaten um 4,8 Prozent, die Verbraucherpreise legten zuletzt um fünf Prozent zu. Ein hohes Defizit in der Leistungsbilanz macht ebenso Sorge wie der starke Dollar. Die Folge sind steigende Zinsen. Damit sinken auch die Wachstumsprognosen. Einer der Pessimisten unter den konjunkturellen Kaffeesatzlesern, Henry Willmore von Barclays Capital in New York, sagt für das Jahr 2001 eine Steigerung von nur noch zwei Prozent voraus.

Der Konjunkturzyklus rücke erneut "nach vorn und ins Zentrum", bekennt selbst der bekannte Ökonom Allen Sinai, bis vor kurzem noch ein lauter Verfechter der New Economy. Auch die Ansicht, dass die Steigerung der Produktivität ein dauerhaftes Phänomen ist, wird infrage gestellt. Das beginnt bei der Erstellung der Statistik: Nach Meinung der Harvard-Wissenschaftler James Medoff und Andrew Harless ist das 1999 in den USA beobachtete starke Produktivitätswachstum zumindest teilweise eine statistische Illusion, weil Amerikas Datensammler im IT-Sektor die Quantität der Produktion über-, den dafür notwendigen Arbeitseinsatz aber unterschätzten.