DIE ZEIT: In England und Wales soll es in den siebziger und achtziger Jahren zu massenhaftem körperlichen und sexuellen Missbrauch in Kinderheimen und Erziehungsanstalten gekommen sein. Über 60 retrospektive Untersuchungen finden derzeit statt, es gibt Tausende Anklagen und Verurteilungen. Überrascht Sie das?

JOSEF FALTERMEIER: Mich überrascht nicht so sehr, dass Fälle von Misshandlung und Missbrauch im professionellen Bereich der Erziehung bekannt geworden sind, die hohe Zahl verwundert allerdings schon. Misshandlung und sexueller Missbrauch von Kindern kann sich ja eher dort breit machen, wo durch starre Erziehungstraditionen die Selbstbestimmung von Kindern geschwächt ist wie im diesbezüglich konservativeren England. In Deutschland kann ich mir ein ähnliches Ausmaß nur schwer vorstellen, aber Misshandlung und Missbrauch von Kindern ist in deutschen Einrichtungen der Heimerziehung sehr wohl ein Thema.

FALTERMEIER: Nein, die Situation ist trostlos. Wir müssen auch davon ausgehen, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist. Um einen einigermaßen angemessenen Überblick über das Ausmaß des Problems zu bekommen, müssten wir die 15 500 polizeilich erfassten Fälle von Misshandlung und Missbrauch im Jahr 1999 mit dem Faktor 5 bis 10 multiplizieren.

ZEIT: Warum kommt sexueller Missbrauch in Erziehungseinrichtungen und Kinderheimen so oft vor?

FALTERMEIER: Die Einrichtungen sind, trotz aller Öffnung nach außen, als Lebensgemeinschaften autonome Einheiten, in denen Beziehungen zwischen Kind und Erwachsenem durch die Steuerung des Pädagogen stark beeinflusst wird. Die Kinder und Jugendlichen sind ja gerade wegen ihrer Verhaltensauffälligkeiten oder wegen familiärer Missbrauchs- und Gewalterfahrungen in den Heimen. Deshalb sind sie dort auf die Erzieher besonders angewiesen. Wenn dann die sozialen Kontrollmechanismen nicht funktionieren, kann es zu Übergriffen durch Fachkräfte kommen. Zudem muss man davon ausgehen, dass das Feld der Heimerziehung Menschen mit pädophilen Neigungen anzieht, aber das ist wohl nur eine Minderheit.

ZEIT: In England und Wales war die Fluktuation des Heimpersonals in den siebziger und achtziger Jahren ungewöhnlich hoch und die Qualifikation der Fachkräfte erschreckend niedrig. Das wird als ein Grund für Missbrauch angesehen. Kann man das für Deutschland ausschließen?

FALTERMEIER: Was die Qualifikation angeht, schneidet Deutschland viel besser ab: 1980 waren in der deutschen Heimerziehung knapp 14 Prozent der Beschäftigten ohne fachliche Ausbildung. In den neunziger Jahren hat sich diese Quote auf zehn Prozent verringert. In der pädagogischen Ausbildung wird das Thema Missbrauch ausreichend behandelt, die Fachkräfte gehen aufmerksam damit um. Insgesamt gesehen, wurde die Heimerziehung in den vergangenen 20 Jahren erheblich professionalisiert.