DIE ZEIT: Sie sagen, das Internet sei eine "fixe Idee", von der zu viele Menschen regelrecht "besessen" sind. Warum?

DAVID GELERNTER: Vorneweg: Das Internet ist ohne Zweifel eine nützliche, wertvolle und aufregende neue Technik. Und von neuen Technologien waren wir modernen Menschen schon immer besessen. Allerdings sind das Internet und das World Wide Web Technologien, die man mit einem besonders schönen Geschenkpapier vergleichen könnte - feine, fantasiereiche und farbenfrohe Methoden, um Information zu übermitteln. So farbenfroh, dass wir übersehen, dass diese Information am Ende relativ wenig Bedeutung für uns hat. Weil wir uns immer weniger zu sagen haben, ereifern wir uns umso mehr über die Methode, mit der wir miteinander kommunizieren. Shakespeare brauchte kein World Wide Web.

GELERNTER: So, wie es heute existiert, ist das Internet die größte Erfindung seit der Shopping Mall. Damit verändert es unser Leben - aber wohl kaum in einer nachhaltigen, wirklich umfassenden Art und Weise.

ZEIT: Könnten die riesigen Investitionen, die ins Web fließen, am Ende zu einem riesigen Flop werden?

GELERNTER: Weil das Web zu einer solchen Marotte geworden ist, wird möglicherweise zehnmal oder sogar hundertmal mehr Geld ins Internet investiert, als es eigentlich gut wäre. Andererseits schaffen diese Investitionen Jobs und bringen, zumindest zu einem gewissen Grad, Einkommen und Wohlstand. Ich weiß auch nicht, wie man die Menschen davon abhalten kann, ihren Marotten zu folgen. Lehnen wir uns also zurück und lassen die Märkte ihre verrückten Fehler machen. Alternativen dazu gibt es nicht.

ZEIT: Und die Welt der Unternehmen? Ist auch E-Business nicht mehr als Hybris und Hoffnung?

GELERNTER: Das Internet kann die Geschäftswelt nicht ändern, aber es kann die Grundlagen zum Wandel legen. Der kommt dann, wenn ein Unternehmen erstens intern und extern völlig vernetzt ist und wir zweitens eine über das Web hinausweisende elektronische Welt nutzen, in der Information nicht über ein System von Internet-Adressen gesucht und gefunden wird. In dieser Welt wird ein Computernutzer zum Beispiel automatisch mit dem richtigen Verkäufer verbunden. Nicht ein Broker, sondern Software wird dafür sorgen. Erst wenn dies erreicht ist, wird sich auch die Geschäftswelt ändern.