Jerusalem

Es mag eine Verzweiflungstat sein, wenn Ehud Barak das Volk beschwört, nachdem ihn gleich drei seiner Koalitionspartner im Stich gelassen haben. Anders aber als einst sein Vorgänger und Mentor Jitzhak Rabin kann sich der israelische Ministerpräsident bei seiner Friedensmission auf das direkte Mandat berufen, das ihm die Wähler vor einem Jahr verliehen haben. Und er ist davon überzeugt, dass die Mehrheit der Israelis ein Abkommen mit den Palästinensern will, selbst wenn sich dies derzeit weder in der Regierung noch in der Knesset widerspiegelt.

Seine Gegner befürchten, dass der Regierungschef - trotz anders lautender Beteuerungen - schon jetzt alle möglichen Prinzipien aufgegeben hat und in Camp David zu weit reichenden Kompromissen bereit ist. Barak strebt eine Einigung an, die dem arabisch-israelischen Konflikt ein Ende setzt. Nicht mehr und nicht weniger. Dazu müssten alle Streitpunkte einschließlich der Jerusalemfrage geklärt werden. Nicht nur die Unterhändler, die seit Jahren nach kreativen Lösungen suchen, sprechen von der "Stunde der Wahrheit". Offen ist, ob Barak sie tatsächlich nutzen will und kann.

Im Unterschied zu Schimon Peres redet Barak ganz bewusst nicht von einem Neuen Nahen Osten, doch auch er hat eine Vision von Israel in Friedenszeiten: Man werde sich nicht mehr für den Konflikt verausgaben müssen, sondern könne dann endlich die Energien für positivere Zwecke einsetzen. Dazu gehörten eine bessere Erziehung für die Kinder, Wirtschaftswachstum, Investitionen in die Infrastruktur, die Schaffung von Arbeitsplätzen und mehr Chancengleichheit. Baraks Botschaft ist klar: Lasst mich die notwendigen Kompromisse machen, und dann kann ich der Ministerpräsident aller Israelis sein. Dafür habt ihr mich gewählt.

Glaubt man seinen wenigen Vertrauten, so sieht sich der Ministerpräsident in den Fußstapfen von David Ben Gurion, der 1948 die Unabhängigkeit des Staates Israel erklärt hatte. Beflügelt von einer historischen Mission wie sein Vorbild, hat sich der ehemalige Generalstabschef einsam in die Schlacht von Camp David begeben. Barak hat aus seiner Geringschätzung gegenüber Politikern nie einen Hehl gemacht. Er hält sie für Taktierer, die den Blick fürs Wesentliche verloren haben. In seinen Augen handelt es sich bei den meisten Deserteuren aus seiner Regierung ohnehin weniger um echte Gegner als um in ihrer Eitelkeit verletzte Verbündete, die man zur rechten Zeit wieder ins Boot holen kann. Immerhin hat die Schas-Partei, die aus Protest gegen die Verhandlungen aus der Koalition ausgetreten ist, inzwischen den Willen zur Zusammenarbeit signalisiert, sofern das Friedensabkommen den gestellten Sicherheitsanforderungen entspreche.

Ehud Barak, der gerade erst sein Versprechen von einem Rückzug aus dem Libanon eingelöst hat, könnte in Camp David durchaus für Überraschungen sorgen.