Aus Kinderperspektive muss man von einer verdammten Muggelei sprechen. Kein Quidditch bis Oktober! Das World-Cup-Spiel verpasst, das legendäre Triwizard Tournament in der ersten Runde ohne jede deutsche Beteiligung! Während die schottische Jugend am vergangenen Wochenende die Wiederkehr ihres Nationalhelden Harry Potter in den Buchhandlungen von Edinburgh mit Mondscheinpartys beging (Erscheinung des Zauberjungen: Samstag, 00.01 Uhr) und auch der amerikanische Kontinent vom vierten Band der Potter-Septologie (HP4) wie vom Kometen getroffen wurde, muss der deutsche Schüler in die Ferien fahren, im Gepäck nichts als drei abgefressene alte Bände. Weil erwachsene Muggels in diesem Land nicht in der Lage sind, von den rund fünf Millionen Exemplaren des englischsprachigen Originals, die seit Samstagnacht vorliegen, auch nur ein einziges in ein deutsches Kinderbuch zu verwandeln, wie es auf Hogwarts jedenfalls mit hingehauchtem transformatio jedem Zauberlehrling der Klasse 1 gelingen dürfte. Da muss sich ein Übersetzer-Muggel mit jeder einzelnen der 636 Seiten quälen, und so was dauert, Monate!

636 Seiten Kinderbuch. Ein Versprechen. Die seriöse Buchkritik hat sich in den letzten Wochen den Potter-Büchern zugewandt, wir lasen von "Ingredienzien", tatsächlich Herodot!, von "ironischer Auratisierung des Schulunterrichts" und der "Reexotisierung unserer langweiligen Alltagswelt". Na. Was stimmt: Es geht um Abenteuer. Um sehr schöne Möglichkeiten, die direkt zwischen den alten eingefahrenen Gleisen liegen, auf denen wir gelegentlich mürrisch durchs Leben rutschen. Um die Versuchung, zwischen Bahnsteig 9 und 10 einfach einen neuen aufregenden Interregio zu besteigen, der das Waisenkind Harry in das Zauberinternat Hogwarts bringt und den Leser ins Land der guten Laune. So war es doch, wie ein Zauber: Wer Harry Potter sagte, sah Lächeln um sich, das war die gute Nachricht. Die schlechte ist: Damit ist es vorbei.

Mit einer toten Katze ist es jetzt nicht mehr getan

Es gab Warnungen. Es werde ein wenig schwierig für Harry werden, hatte die Autorin Joanne K. Rowling angedeutet. Britisches Understatement. Wer nun schreckensgeweiteten Auges auf die Seiten starrt, muss feststellen, wie schwer es offensichtlich fiel, einer Frau mit herzförmigem Gesicht und seidigem Blondhaar echte Fiesheiten zuzutrauen. Man möchte hier nichts ausplaudern. Nur so viel: In einem früheren Band gab es mal eine tote Katze. So leicht kommen wir jetzt nicht davon. Ganz und gar nicht.

Rowling ist eine ganz Genaue. Aufbau der Story: straff. Ein Schuljahr, Sommer bis Sommer. Die Handlung: Flucht vor der blöden Familie, Ankunft in dem Zauberinternat, wie gehabt. Dort hat sich allerdings die Leitung entschlossen, die 700 Jahre alte Tradition des Triwizard Tournament wiederzubeleben, ein Wettbewerb zwischen drei Schulen (Reichweite: Europa), der in der Vergangenheit abgebrochen werden musste, weil er zu viele Schülerleben forderte. Hört, hört. Daraus entwickelt sich ein Spiel, das für unsere Lieblinge Hermine, Ron und Potter ein ganzes Schuljahr in einen Albtraum verwandelt, mit Szenen von gelegentlich atemberaubender Schrecklichkeit.

"Der Blitz hatte das Gesicht des Mannes in ein strenges Relief verwandelt, und es war ein Gesicht anders als alle, die Harry je gesehen hatte", heißt es. "Jeder Millimeter der Haut sah verbrannt aus. Der Mund war eine diagonal klaffende Wunde, und ein großes Stück der Nase fehlte. Aber es waren die Augen, die den Mann Furcht erregend machten. Eines war eine kleine dunkle Kugel. Das andere war groß und rund wie eine Münze und von einem lebhaften, elektrischen Blau. Das blaue Auge bewegte sich unaufhörlich, ohne Lidschlag, es rollte hoch und runter und von links nach rechts, völlig unabhängig vom normalen Auge - und dann rollte es vollkommen herüber, in den Kopf des Mannes hinein, sodass alles, was noch zu sehen war, das Weiße war."

Es gibt Szenen, in denen die Zauberwesen die Kiefer fest zuklappen, um nicht kotzen zu müssen. Schwarze Messen, ein Blutritual. Als Leser kann man versuchen, das sportlich zu nehmen. Zurücklehnen, Arme verschränken, den Horror goutieren wie ein Feuerwerk, das die fassungslosen Ahs! und Ohs! zu bunten Gebirgen auftürmt. Schau an, was die Rowling herzaubert! Man fühlt, wie sich hier eine angestrengt hat, ja niemanden zu enttäuschen. Nicht die Kritiker, die kurz davor waren, alles doch ein wenig harmlos zu finden, und nun ein wenig Gulag serviert bekommen, inklusive stalinistischer Säuberungen. Nicht ihren kleinen Helden enttäuschen, der nun auch schon dreizehn ist und Erfahrungen macht wie seine Fans, Kuss an Akne und so.